Von Duschen, Klos und Wickelräumen

Um auf Unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft aufmerksam zu werden oder mal die Perspektive diskriminierter Minderheiten einzunehmen, lohnt es sich ab und zu beim Blog von Stefan Niggemeier vorbeizuschauen. Ich meine das ganz ohne Ironie, obwohl  Herr Niggemeier dort auch in meinen Augen teilweise abstruse Ansichten vertritt. Möglicherweise fühlt er sich als schwuler Medienjournalist den Anliegen Homosexueller verpflichtet. Das wäre nachvollziehbar und gleichzeitig ein Grund, warum es nicht reicht seinen Niggemeier gelesen zu haben.

Auf dem Flughafen Hannover konnte ich feststellen, dass man dort den bisher schlicht übersehenen benachteiligten Vater identifiziert hat: Es gibt dort Toiletten für Vater mit Bedürfnis und Kind.

Ich habe eine Weile gebraucht, um die Funktionalität dieser Vater-Kind-Toilette zu begreifen und die damit verbundene politische Fortschrittlichkeit zu erfassen: Eine große, Barriere-freie Toilette mit Klapptisch an der Wand. Der Klapptisch entpuppt sich als Klappsitz mit Hosenträgergurt, in dem das Kind sicher aufgehoben ist, während der Vater dringendere Geschäfte zu erledigen hat, als mit Absicht zu Boden geworfenes Spielzeug vom Boden wieder aufzuheben. Ich finde diese Einrichtung sensationell, denn ich komme kaum in die Verlegenheit eine solche Situation als für Väter möglicherweise bisher unbefriedigend adressierten Zustand erfahren zu haben. Bisher ging das gut, hat aber offensichtlich meine Weltsicht eingeschränkt, ich hätte nie entsprechende Rechte für Väter mit Kind eingefordert. Doch jetzt weiß ich: Toiletten haben durchaus „eine große Bedeutung für den Alltag der Betroffenen„.

Ich habe mich andererseits – in München lebend – daran gewöhnt, dass man sich in Bayern flächendeckend noch an den Rollen-Modellen des letzten Jahrhunderts orientiert: Wickelräume befinden sich in Biergärten und Wirtshäusern nahezu ausnahmslos auf der Damentoilette. Das ist für den sorgenden Vater, je nach individueller Sozialisation, mehr oder weniger unangenehm. Obwohl ich mich als liberal, aufgeschlossen, aufgeklärt einschätze und bei fehlender Seife auf der Herrentoilette beispielsweise lieber an die Damentüre klopfe als das Pissoir ungewaschen zu verlassen (meine Wahl), fühle auch ich mich in dem Moment, in dem ich meinen Sohn auf der Damentoilette wickeln muss, unwohl (keine Wahl).

Das hat wohl mit der mir bis dahin unvertrauten Bandbreite der dort möglichen Geräuschkulisse zu tun. Ich kann das Betreten akustischen Neulands natürlich nicht als Beschränkung meiner persönlichen Freiheit empfinden, das wäre grotesk übertrieben. Doch warum, bitteschön, muss ich mich als Vater bei der für mich selbstverständlichsten und normalsten Tätigkeit – meinem Sohn die Windeln zu wechseln – als Eindringling, als Bittsteller fühlen, der in einen offensichtlich privaten Raum des anderen Geschlechts eindringen muss?

An diesem Punkt kann ich den Beitrag des Stefan Niggemeier über Unisex-Toiletten nachvollziehen, wenngleich mir sein Post in der Kritik an Harald Martenstein überzogen scheint und zu wenig konstruktiv. Ich traue Niggemeier auch mehr Weitblick zu, denn bei den Toiletten geht das Problem doch erst los.

Denken wir nur an sexualorientierungsgerechte Duschen in Schwimmbad oder Sportstudio. Die sind in der Regel nach Geschlechtern getrennt, was über viele Jahrzehnte auch ausreichte aber offensichtlich nur eine grobe Verallgemeinerung der gesellschaftlichen Vielfalt darstellte. Erinnern wir uns an den Grund für diese Geschlechtertrennung (die Vermeidung gegenseitiger sexueller Erregung, Belästigung oder gar Übergriffen), so wird es jedoch zunehmend komplex.

Für die heterosexuelle Fraktion unserer Gesellschaft änderte sich nichts, sie würde nach wie vor die bestehenden getrennten Räumlichkeiten nutzen, im Teenageralter womöglich diametral zur ursprünglichen Intention.

Doch was bietet man Homosexuellen an? Eine Frauendusche für Lesben und eine Herrendusche für Schwule? In einer öffentlichen Badeanstalt? Die Geschlechtertrennung sollte doch gerade nicht der Promiskuität Vorschub leisten, weshalb logischerweise für jeden Schwulen und jede Lesbe eine Einzeldusche vorzuhalten wäre.
Im Sinne einer effizienten Ressourcenverwaltung in kommunalen Haushalten könnte man dann logischerweise über Zweierduschen reden, die selbstredend nur gemischtgeschlechtlich homosexuell zu betreten wären, um sexuelle Übergriffe gar nicht erst den Boden zu bereiten – auch Homosexuelle haben ein Recht, vor sexueller Belästigung geschützt zu werden.

Bleiben noch die Bisexuellen, die definitiv Einzelduschen zu nutzen verpflichtet werden müssten.

Ich bin mir nicht sicher, wo die Lösung anfängt oder das Problem.
Aber ich habe das Gefühl, wir haben noch viel vor uns.

 

 


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