Mensch Wulff

Die Causa Wulff wird absurd. Nachdem bekannt wurde, dass der Bundespräsident bei Diekmann intervenierte, war auch ich empört. Doch noch im Laufe des selben Tages schwante mir, dass das ein Reflex war.

Reflexion ist besser.

Am 15. November hörte ich Wolf Biermann sagen, es gehöre Größe dazu sagen zu können „Ich bin nicht mehr meiner Meinung“. Angesichts der Medienschlacht um Wulff sind diese Worte passend.

Im Interview zeigte sich ein Christian Wulff als Mensch. Einige sagen, das sei Strategie und werfen ihm Larmoyanz und Weinerlichkeit vor, er würde sich hinter seinem Amt zu verstecken, das zu groß für ihn sei. Man kann dagegen halten, Wulff bliebe sich treu und tatsächlich tut er das in durchaus positiver Weise: Er zeigte sich als Mensch, weil er als Mensch betroffen ist. Ich halte es für glaubwürdig, dass er sich nichts vorwirft, was Urlaube und den Privatkredit angeht. Das sollte man anerkennen, auch wenn man von ihm ein anderes Verhalten erwartet, wohl auch erwarten darf. In der aufgeheizten Diskussion jedoch geht es längst nicht mehr darum.

Es mag einem nicht gefallen, dass Christian Wulff sein Amt wohl nicht so ausfüllen kann, wie das ein Weizsäcker konnte. Doch zur Fairness gehört auch, anzuerkennen, dass keiner seiner Nachfolger dies konnte. Zur Ehrlichkeit gehört auch, zuzugeben, dass niemand dieses Format von Wulff erwartete.

Was jetzt passiert ist dem Vorgang bei Weitem nicht mehr angemessen. Der Leak des Anrufs bei Diekmann durch Bild an FAS und SZ war offensichtlich strategisch genutzt, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Entschuldigung Wulffs von Diekmann angenommen wurde. Bevor nicht bekannt ist, was die Bild-Chefredaktion dazu brachte, drei Wochen nach der Beilegung es sich anders zu überlegen, muss man diesen Leak als unethisch ansehen. Solange wir die dahinter liegende Absicht nicht kennen, erübrigt sich die Forderung nach einer Veröffentlichung der Aufzeichnung.

Darüberhinaus ist diese Verwendung auch presserechtlich zweifelhaft: Zur Angelegenheit öffentlichen Interesses wurde die Intervention Wulffs doch erst, nachdem die Indiskretion strategisch platziert wurde (wer hier an Zufall glaubt, … naja) . Erfahrene Redakteure bestätigen, es sei nichts Ungewöhnliches, dass Spitzenpolitiker versuchen, auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Bis Diekmann die Hintergründe seines Leaks offen legt, bleibt Wulffs Anruf bei ihm vielleicht wegen des Tonfalls bemerkenswert – und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass Diekmann drei Wochen brauchte, um sich vom Tonfall Wulffs brüskiert zu sehen. Der Mann ist sicher noch ganz anderes gewohnt.

Zur viel beschworenen Transparenz (der sich die Bild-Zeitung neuerdings offenbar verpflichtet fühlt) gehört, die Begleitumstände der Mailbox-Nachricht von Wulff zu offenbaren. Hier ist Diekmann – und möglicherweise auch Döpfner – in der Pflicht: Wer leitete welche Inhalte der Mailbox-Nachricht an welche Publikation in welcher Form weiter und vor allem: Zu welchem Zweck? Das Spiel der Bild ist altbekannt: Vordergründig den Aufklärer geben („Um Missverständnisse auszuräumen…“), selbst jedoch nur ausgewählte Details und nach den eigenen Bedingungen frei geben oder platzieren. Ein ungleiches Spiel.

Ja, Wulff geht nicht gut mit den Vorwürfen um. Doch bleibt er darin authentisch und deshalb glaubwürdig: Er denkt sich nichts (Böses) dabei, bei Freunden zu übernachten und zwischen alten Familienfreunden (Geerkens) und den Ehepartnern der Freundinnen seiner Frau (Maschmeyer) keinen Unterschied zu machen. So ist der Mensch Wulff und das macht ihn sogar noch sympathisch. Die Vorwürfe bleiben – trotz nun schon Monate dauernden Recherchen der führenden Recherchemagazine und Knallblätter – tatsächlich nichts weiter als eben das: Vorwürfe. Die Enthüllungsjournalisten der Republik stochern im Nebel, und – verdammt nochmal? – fördern einfach nichts konkretes zu Tage. Schlechter Stil des Bundespräsidenten? Ja.
Korruption? Nein!

Die Nähe zu Geerkens und Maschmeyer muss einem nicht gefallen, sie ist auch zu kritisieren. Doch dann bitte mit dem nötigen Augenmaß, das hier nicht nur gegenüber einem Amtsträger geboten ist sondern am Ende natürlich auch gegenüber dem Menschen Wulff. Doch das Erstaunen über dessen Naivität, die Empörung über günstige Zinsen werden zur Hysterie, die seit dem 13. Dezember bis zum heutigen 5. Januar einzig von der Bild-Zeitung angeheizt und von den anderen Medien willig weiter befeuert wird. Die Verhöhnung auf führenden Nachrichtenportalen wie Süddeutsche.de, FAZ, Spiegel und sogar der Zeit, Wortprotokolle und Interpretationen des Interviews durch Lippenleser und Psychoanalytiker, penibel geführte Strichlisten für „ich“ und „man“ lenken davon ab, sich ein eigenes Bild von den tatsächlich bekannten Fakten zu machen, während im Hinterrund die Kampagne läuft.

Ist das Mitleid mit Wulff? Bedauern?

Nein. Es heisst Empathie.

 

http://twitter.com/#!/tweiss/status/154888457586622464

 

Das „BILD-Recherche-Protokoll“ zur Kredit-Affäre hat eine Lücke. Wer findet sie? Tipp: Sie liegt zwischen Ende Dezember und Anfang Januar:

Donnerstag, 15. Dezember: Bundespräsident Wulff entschuldigt sich per Telefon bei Kai Diekmann für seine Mailbox-Nachricht. Der Chefredakteur nimmt die Entschuldigung an. Er entscheidet gegen die Berichterstattung über Wulffs Mailbox-Nachricht.
1./2. Januar 2012: Zeitungen berichten über den Wulff-Anruf beim BILD-Chef.
7.Jan.2012, Bild.de

Spiegel zitiert umfassender aus Wulffs Nachricht an Diekmann:

 „Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, mit der Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die werden jetzt indirekt verwandt, das heißt, ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen, und die Anwälte sind beauftragt.“
Christian Wulff am 12.Dez.2012, abends, laut spiegel.de, 7.Jan.2012

Die Frage bleibt, also: Wie gelangte die Nachricht Wulffs nun an die Öffentlichkeit?

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eher versehentlich – schon länger soll das brisante Material bei mehreren Redaktionen gelegen haben, unter anderem bei derFrankfurter Allgemeinen Zeitung. Dem angeblichen Drängen der Bild-Leute, es auch zu veröffentlichen, sei aber niemand gefolgt. Bei der FAS seien die Zitate nur gelandet, weil sie die zeitlichen Abläufe der sich anbahnenden Krise um Wulff dokumentieren halfen.
Süddeutsche.de, 6.Jan.2012

Offen bleibt nach wie vor, warum die Bild die vertrauliche Nachricht weiter gab.


Hape Kerkelings Facebook Statement finde ich lesenswert.

Und den Text von Maximilian Steinbeis

Und Friedrich Küppersbusch

Und Wolfgang Michal sowieso.

Die Tagesthemen sind Teil der Meute.

 

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3 Responses to “Mensch Wulff”

  • Wulffs lange Salami* | DieGanzeWahrheit Says:

    […] Er könne Strafanzeige gegen Redakteure androhen weil er unser fucking Bundespräsident ist? Hat er das geglaubt?*** Ich bin nicht mehr meiner Meinung […]

  • VonFernSeher Says:

    Es hat sehr lange gedauert (nämlich bis nach dem unnötigen Fernsehgespräch), bis sich eine wahrnehmbare Anzahl von Bloggern und Journalisten findet, die „den Skandal“ als das darstellt, was er die ganze Zeit schon war: ein politisches Ränkespiel.

    Ich mag Herrn Wulff politisch nicht besonders leiden, auch weil ihm einfach das Talent fehlt. Soweit, so schlecht.

    Aber Schröder flirtete mit Audi und Armani, Herzog ruckte die Deutschen für die Großindustrie durch und Merkel lud* Lobbyisten zur Geburtstagsfeier ins Kanzleramt. Wulff hat einen günstigen Privatkredit und im Urlaub kostenlos übernachtet. Ehrlich jetzt?

    *oder: lädt, wer will das wissen

    • Anonymous Says:

      Und sogar die Tagesthemen ließen sich heute auf das Spiel der Bild ein – ich bin fast vom Stuhl gefallen:
      https://plus.google.com/112657645529759186226/posts/bSSH7G4cZBs

      Tagesthemen Zitat: „Die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte waren ausschließlich für Sie und für sonst niemanden bestimmt. […] Dabei sollte es aus meiner Sicht bleiben.“

      Was fehlt: “ Ich habe mich Ihnen gegenüber kurz darauf persönlich entschuldigt. Sie haben diese Entschuldigung dankenswerterweise angenommen.“

      Original : „Die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochenen Worte waren ausschließlich für Sie und für sonst niemanden bestimmt. Ich habe mich Ihnen gegenüber kurz darauf persönlich entschuldigt. Sie haben diese Entschuldigung dankenswerterweise angenommen. Damit war die Sache zwischen uns erledigt. Dabei sollte es aus meiner Sicht bleiben. „

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