Jasmin, Frühling und wachsender Respekt

5.Feb.2011 – Erst vor drei Tagen eskalierte die Lage in Kairo dramatisch. Kommentatoren warnten vor einem blutigen Freitag, Ultimaten liefen ab, Freitagsgebet. Scholl-Latour beschwor die Kampfkraft der Muslimbruderschaft.

Doch am Freitag Abend passierte nichts. Und das wird unsere Welt verändern.

Wie erstaunt, ungläubig, erleichtert nahmen wir alle den Verlauf der zweiten Jasmin-Revolution in Tunesien wahr. Unglaublich, wie effizient und rasch so eine Revolution über die Bühne gehen kann. Kaum war der Tunesische Machthaber geflohen, wandte sich der Blick zu den Aufständen, Unruhen, auf die Oppositionellen (man wusste noch nicht so genau, wen man da beobachtet) in Kairo und Alexandria bald in ganz Ägypten.

Und die Europäer begriffen schneller als ihre Regierungen oder ihre Leitmedien, was geschah. Auch hier sah man AlJazeera, CNN und BBC um auf dem Laufenden zu bleiben, man tauschte sich über Twitter und Blogs aus, kommmentierte heftig die neuesten Entwicklungen, machte sich Sorgen, konnte es nicht glauben und traute der eigenen Hoffnung nicht und man war natürlich auf der Seite der Ägypter auf der Straße – wo denn sonst!

Um die Lage überhaupt einschätzen zu können wird die eigene Rolle hinterfragt. Das Verhältnis zwischen der arabischen Welt und dem Westen gilt es zu verstehen um sich einen Reim auf die Zukunft zu machen.  Hätte der Westen früher unterstützen sollen? Hätte er können?Wie hätte er das anstellen sollen? Die Geschehnisse des arabischen Frühlings treffen so unvermittelt in die gerade abebbende Integrationsdiskussion, dass man sich nur verwundert die Augen reibt: Haben wir nicht ein halbes Jahr über die Unfähigkeit der Muslime zur Demokratie diskutieren müssen? Dass sich der Islam schon von selber abschaffen würde? Dass er aber vorher noch die westliche Welt unterjochen wollte? Dass der Islam als Religion so unweigerlich in Totalitarismus führte wie der Kommunismus in den Massenmord? Und jetzt?

Puff.

Jetzt demonstrieren Ägypter zu hunderttausenden in den Strassen Alexandrias und Kairos, friedlich, singend, betende Muslime von Christen beschützt, die von den USA finanzierte Armee abwartend neutral. Dann bekommen sie zwei Tage lang die organisierte Wut des Staatspräsidenten zu spüren. Ist das die Stunde der ominösen Muslimbruderschaft? Jetzt bluten die Menschen, vielleicht Dutzende  sterben, Journalisten werden hinausgedrängt, Kameras zerstört, antiwestliche Gerüchte gestreut. Angst und Fassungslosigkeit macht sich breit. Wieder stürmen einem Fragen durch den Kopf: Wie lange lassen sie sich das gefallen? Werden die Gemäßigten jetzt nicht endgültig radikalisiert?

Die Welt hält den Atem an und wartet auf den großen Knall nach dem Freitagsgebet, die Fetzen werden fliegen, noch mehr Tote werden erwartet, Kommentatoren trauen Mubarak einen Schlag gegen die Revolte zu, Scholl-Latour glaubt die kampferprobten Muslimbrüder würden die Auseinandersetzungen sehr viel härter werden lassen, das Militär könnte schwanken, was einige Medien seit Tagen als Flächenbrand herbeischreiben wollen könnte tatsächlich einer werden. Und dann?

Ruhe.

Ich sehe AlJazeera und BBC am Freitagabend und sehe schon wieder Menschenmassen im Zentrum von Kairo, aber das Gemetzel bleibt aus. Sie singen, die Ausgangssperre wurde gelockert, die Regime-Prügler sind nicht zu sehen, auch keine Mollotow-Cocktails oder Ausschreitungen. Ist das eine Wiederholung von vor einer Woche?

Was ist da eigentlich los? Diese Araber, sind das nicht alle radikalisierte Muslime, Islamisten, Demokratie-unfähig, ungebildet, harren der Aufklärung? Sind die denn nicht nur frauenfeindlich sondern eigentlich komplett Rückständig? Und diese Araber bleiben einfach stehen, beharren weiter auf den Abzug des Staats-Präsidenten, der jetzt sowieso keine Wahl mehr hat, nachdem alle seine westlichen Verbündeten ihn zum Rücktritt aufgefordert hatten, sie schwören keine Rache und ihre Gebete finden irgendwie zwischendurch und eher am Rande statt.

Auch einen Gottesstaat hat immer noch keiner gefordert und wenn sie weiter einen so kühlen Kopf behalten, wird das auch nicht passieren. Weder in Ägypten, noch in Tunesien. Die Menschen wollen einfach ihre Freiheit und Ihr Recht auf Glück. Sie wissen nicht, dass das in der amerikanischen Verfassung steht und es kümmert sie auch nicht. Sie fordern universelle Menschenrechte und keine importierte Demokratie.

Vor über 20 Jahren fand eine ebenso unglaubliche Revolution statt. Ich habe sie damals auch aus dem Ausland verfolgt und die Gefühle sind heute dieselben wie damals: Ungläubiges Staunen, ein wachsender Glaube an das Gute im Menschen und eine gehörige Portion Respekt. Deutschland konnte damals an seiner Erfahrung wachsen und ein Vorbild sein.

Diesen Job – Vorbild zu sein – haben wir vielleicht gut gemacht, ich hoffe es. Doch die Vorbilder für die Welt stammen ab jetzt aus Nordafrika. Und die arabische Welt wird uns ab morgen auf Augenhöhe begegnen.

 


 

“There is something in the soul that cries out for freedom.” Those were the cries that came from Tahrir Square, and the entire world has taken note. […] The word Tahrir means liberation. It is a word that speaks to that something in our souls that cries out for freedom. And forevermore it will remind us of the Egyptian people – of what they did, of the things that they stood for, and how they changed their country, and in doing so changed the world.

Barack Obama, 11.Feb.2011

 


 

16.Feb.2011 – Auch bei der ZEIT ordnet man das Geschehene ähnlich ein: „Der Aufstand in Tunis, Kairo und Teheran wird den westlichen Blick auf den Islam verändern“ und titelt
„Die Chance für uns“:

 


 

13.Jul.2011, ein halbes Jahr später: Die ZEIT untersucht, was vom arabischen Frühling übrig ist in Ägypten, Syrien, TunesienJemenMarokko und Libyen.

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3 Responses to “Jasmin, Frühling und wachsender Respekt”

  • vera Says:

    Ein guter Kommentar, doch verzeih mir meine Skepsis – ich schliesse mich Alien an, die in Amman lebt: https://opalkatze.wordpress.com/2011/02/05/so-froh-unrecht-zu-haben/comment-page-1/#comment-2880. Ich habe selten eine so schwer zu beurteilende politische Lage erlebt.

    • T Says:

      Ich gebe Dir völlig recht, dass die politische Lage nicht wirklich übersichtlich ist. Ändert aber nichts daran, dass niemand die Entwicklung bis heute für möglich gehalten hätte. Oder der arabischen Welt zugetraut. Das wird bleiben und hoffentlich auch die Diskussion in Deutschland beeinflussen.

      • VonFernSeher Says:

        Also, ich habe solch eine Entwicklung schon länger – nämlich seit den Rücksendeverträgen der EU mit den nordafrikanischen Diktatoren – für möglich gehalten, vielleicht nicht unbedingt in Ägypten und nicht unbedingt jetzt. Und wenn ich als ganz normaler Betrachter das habe ahnen können, dann haben die wirklichen Experten wohl auch schon damit gerechnet.

        (Ich hätte wohl eher auf Tunesien –> Marokko –> Libyen getippt, aber die Marokkaner haben erst mal mit Westsahara zu tun und eigentlich ist die Reihenfolge ja auch egal. Die europäische Außenpolitik trägt zumindest in diesen Ländern einen erheblichen Teil der Schuld, in Ägypten ist der Einfluss der USA und Israels entscheidender.)

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