Illner mal anders

Als Fan von Talkshows kann man mich nicht bezeichnen, doch ich finde das Format an sich interessant, die Möglichkeiten sogar vielversprechend. Allein die Umsetzung machte mir in den letzten Jahren gar keinen Spass.

Gestern Abend war das anders.

Eher zufällig zappte ich bei Maybritt Illners ZDF-Talk rein, das Thema „Neues Deutschland, altes Ziel? Die Linke und der Kommunismus“ hatte mich auch in den letzten Wochen nicht wirklich packen können. Die Diskutanten waren Theaterregisseur Claus Peymann, Klaus von Dohnanyi (SPD), Gesine Lötzsch (Linke), Alexander Dobrindt (CSU) und Werner Schulz (Grüne).

Dobrindt und Lötzsch

Ich kam in dem Moment dazu, als Dobrindt der linken Frontfrau Lötzsch klarmachte, wie verfassungsfeindlich sie eigentlich sei und für den Zuseher (und Unionsgeneigten) schien es, dass Kommunismus an sich ja sowas von gefährlich ist, dass man jeden der das diskutiert, eigentlich gleich einsperren sollte. Oder ihm Pickel wünschen.
Lötzsch wiederum bestand darauf, dass nur Wohlstand frei mache und wenn es keinen Wohlstand für alle gäbe, lebten wir nicht in einer gerechten Welt, weil eben nicht alle frei sein könnten. So weit, so begrenzt.

Ich wollte eigentlich gleich wieder raus, weil mich die Kampfbegriffe der letzten Jahrhunderte, die offensichtlich begrenzten Horizonte und dieses ständige „aber ihr seid schlimmer als wir“-Getue anöden.

von Dohnanyi und Peymann

Irgendwie ließ ich das aber noch ein wenig plätschern, bis sich von Dohnanyi einschaltete und klarmachte, warum er den Kommunismus und eben auch die Positionen von Lötzsch für so gefährlich halte: Weil der Kommunismus eben nicht reformatorisch ausgerichtet sei, also keine ständige Überprüfung der eigenen Standpunkte erlaube, das Ideal mithin schon kenne. Das war der Moment, an dem ich „dann eben kein kaltes Bier“ holte, ich zappte nicht weg.

Peymann musste, angesichts der herablassenden Ignoranz eines Dobrindt, sich irgendwann provokant Luft machen (wobei er vor lauter Angriffslust gerne den roten Faden und das Ziel seiner Argumentation aus den Augen verliert) doch sein eigentliches Anliegen war noch so ein „Ich bleib jetzt mal sitzen“-Moment: Die Menschen fühlten sich von der Politik nicht mehr wahrgenommen und das sei die  eigentliche Gefahr für die Demokratie. Wenn sich 40% der Wähler eben nicht mehr einbrächten und wählten, weil sie es satt haben von der Politik sowieso nicht ernst genommen zu werden.
Bankendesaster, Dioxin und BSE fallen als Begriffe und jeder halbwegs Informierte nickt innerlich und sagt sich „Ja logisch, das läuft schief“. Und fragt (statt Peymann, der das wohl eigentlich vorhatte, aber rechtzeitig den roten Faden verlor): „Für wen wird  Politik eigentlich gemacht?“

Politik von gestern

Zwar stempelt von Dohnanyi den streitbaren Theatermann als Utopisten ab, doch sein Plädoyer für ein ständiges Bemühen angesichts einer eben nicht perfekten Welt stand dennoch überhaupt nicht im Widerspruch zum Idealismus Peymanns.

Die Politik (vertreten durch Lötzsch und Dobrindt, Schulz brachte sich in dem von mir gesehenen Teil kaum wahrnehmbar in die Diskussion ein) jedoch hat den Schuss noch nicht gehört: Es geht um den Menschen. Es geht darum, das Beste aus dieser nicht perfekten Welt zu machen und verpflichtet ist die Politik dabei allein der Vernunft und dem Wähler.

Insofern sind die alten Kampfbegriffe die, wie Kommunismus und Kapitalismus bei Maybritt Illner, gegeneinander in Stellung gebracht werden nur noch Überreste aus vergangenen Zeiten. Sie hatten damals ihren Platz, als große gesellschaftspolitische Umwälzungen erdacht, erfunden, verteidigt, gelebt, überprüft und fallen gelassen wurden.

…und morgen?

Im 21ten Jahrhundert sind es jedoch die greifbaren Herausforderungen die uns antreiben sollten Lösungen zu suchen. Es sind globale Herausforderungen wie eine zukunftsfähige Energie- und Wasserversorgung, eine nachhaltige Landwirtschaft für sieben Milliarden Menschen, ein wahrscheinlicher Klimawandel und Verschiebungen in der globalen Wirtschaft, mit denen Staaten wie Indien, China und Brasilien auch Einfluss auf unsere Zukunft in Europa und in Deutschland nehmen werden.

Es geht nicht mehr um politische Lager, dieses rechts-oder-links oder rot-oder-schwarz, diesen Kindergarten der Generalsekretäre. Aber ich gestehe sogar einem politischen Einpeitscher vom Schlage eines Alexander Dobrindt zu, sich weiter zu entwickeln. Ich bin da grenzenloser Optimist.

Das Vermehren von Einsichten stellt sich bei Maybritt Illner eben nicht unbedingt in der Sendung ein. Aber auf der Fernsehcouch kann das schon mal passieren. Ist eigentlich ein gutes Gefühl.

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PS: Nein, die ganze Sendung habe ich nicht gesehen.

Umfassende Kritiken haben aber andere geschrieben. Wer sich also ein Bild machen möchte, kann dies gleich an drei Stellen tun, oder sich die Aufzeichnung der Sendung in der ZDF-Mediathek ansehen.

  • Schnappatmung als Kalkül. Spiegel-Online über Claus Peyman: „Da war jemand ehrlich aufgebracht: Keine Utopien weit und breit angesichts von Bankenkrise und Dioxinskandal? Für Peymann der Gipfel der Realitätsverkennung.“
  • Auf zum letzten Gefecht. Focus-Online über Klaus von Dohnanyi: „Während Illner sich vor allem dadurch auszeichnet, spannende Momente mit einem Einspieler auszubremsen, stellt von Dohnanyi die richtigen Fragen, denkt voraus und weiter als alle anderen.“
  • Welcher Kommunismus darf’s denn sein, Frau Lötzsch? Sueddeutsche.de über die Sendung: „…zwischen Utopie und Pragmatismus entspann sich eine ansehnliche Diskussion, die – was im Talkshowgerausche Seltenheitswert besitzt – ihren Namen verdient hatte.“

Maybritt Illner, „Neues Deutschland, altes Ziel? Die Linke und der Kommunismus„, Sendung vom 13.1.2011 in der ZDF-Mediathek.


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