Focus enthüllt

Respekt Herr Markwort. Der Focus ist wieder Vorreiter in Sachen Enthüllungsjournalismus und konnte in offensichtlich letzter Sekunde ein Thema auf dem Titel 23/2010 platzieren, das die Republik verändern wird.

Eine Perle!

Es ist jedoch nicht der Titelaufmacher „Währungsreform“, sondern der Einklinker, der so Appetit auf Lesen macht:

„Die junge Republik – Präsident mit 51: Das aufwühlende Leben des Christian Wulff“.

Baff. Das sitzt. Teufel auch: Wulffs Leben wird uns aufwühlen! Ob ich das aushalte? Wie „aufwühlend“ wird das Leben vom Wulff sein. Illegale Autorennen? Polizeigewahrsam? Klingelstreiche?

Doch der Focus lässt dem gebannten, ja paralysierten Leser nur wenige Augenblicke um Luft zu holen, da kommt beim Öffnen des Inhaltsverzeichnisses schon der nächste Kracher:

„Lässig und ein bisschen konservativ: Christian Wulff repräsentiert die junge Bundesrepublik“

und weiter:

„Mit Christian Wulff avanciert ein ungewöhnlicher Politiker zum Favoriten für das höchste Amt im Staat“

Lässig. Nur ein bisschen konservativ. Wulff ist ein ganz Ungewöhnlicher!

Jetzt ist kein Halten mehr, doch Obacht: Auch das üblicherweise überblätterte Tagebuch des Chefredakteurs hat in dieser Woche ungewohnte Tiefe. Überraschend sachlich ordnet Markwort die vergangene Woche für den Leser ein: Die Abgeordneten der Opposition waren „unverschämt“ und „widerwärtig“ und was da in „einigen Begleitmedien“ geschrieben wurde war ein unverschämter „widerwärtiger Diffamierungsversuch“.

Diese Begleitmedien! Ich hab’s ja schon immer gewusst.

Und dann das: „Menschenschach“. Die spielen „Menschenschach“ in Berlin! Und wir dachten die regieren da und suchen Mehrheiten für irgendetwas, doch Nein! Die spielen Menschenschach! Und dann lässt Noch-Chefredakteur Markwort eine echte Bombe platzen: Tag und Nacht wichen diejenigen, die die Voraussetzung für das Präsidentenamt erfüllten, nicht von der Seite ihrer Telefone – und keiner rief an! All die 40-jährigen da draußen starrten stundenlang ihre Telefone an und wurden nicht angerufen! Auch Markwort wird schlaflose Nächte gehabt haben.

Doch am Donnerstag Erleichterung: Wulff musste überraschend und „ganz gegen seine Art“ zugreifen, nachdem Ursula von-der-Leyen den Job schon sicher glaubte. Warum? Auch das weiß Markwort, der Analytiker, denn Wulff hat eine Qualifikation die die andere nicht angerufenen über-40-jährigen offensichtlich nicht hatten: Er fühlt sich bei „präsidialen Reden am wohlsten“.

das eigentliche Schmuckstück des aktuellen Focus findet sich dann endlich auf Seite 18 und glänzt mit dem seit dem Deutschkurs weithin unterschätzten Stilmittel der Alliteration, hier sogar dreifach und in Abwandlung dank Anglizismus (die sind so modern beim Focus):

„Neues Deutschland – Konservativ, katholisch, cool: Christian Wulff und seine Patchwork-Familie verkörpern die junge Republik. Nahaufnahme eines bewegten Lebens.“

Erst dieser Kniff „Neues Deutschland“… tricky! Ist das nicht… ja genau: diese sozialistische Tagesszeitung! Vielleicht gar eines dieser „Begleitmedien“? Man weiß es nicht genau, doch ein Verdacht bleibt. Verdammt, ist der Markwort ein cooler Hund, was der sich traut mit seinem Blatt!

Und was ist das: Katholik und cool!? Potzblitz. Nach all den üblen Nachrichten. Die können auch cool sein, die Katholiken. Und der Christian erst, der ist einer von uns. Denn auch der hat ein „bewegtes Leben“, so wie wir, die wir dies nun schon seit dem Titelblatt mit ihm teilen, ganz kirre sind, uns vom Christian und seiner Christiane und seiner Bettina aufwühlen zu lassen.

Die ersten Zwischentitel blitzen auf, in rot:

„In der zehnten Klasse blieb Christian Wulff sitzen“

Mir fehlen die Worte. Ich bin platt. So ein Versager! Doch nein: Der Christian sitzt schon als Schüler „im CDU-Vorstand mit Helmut Kohl“  und redet mit dem späteren Einheitskanzler bereits auf Augenhöhe. Sakra, wie schafft der das nur, der Christian, ein Schulversager wie wir auf Augenhöhe mit dem Kohl. Also doch keiner wie wir, sondern ein ganz Ungewöhnlicher – für einen Politiker. So ein Hund!

Noch bevor ich in den Text gehen kann, blättere ich durch die Fotos, sehe Unfassbares. Ich versuche sachlich zu bleiben:

  • Seite 20: Als Schüler mit Lederhosenlatz vor einem Buch! Vor einem Buch!
  • Seite 21: Christian 1994 neben einem meterhohen CDU-Schriftzug, damals schon ganz lässig mit einer Hand in der Hosentasche!
  • Seite 22: Der Christian schenkt seiner (damaligen!) Frau Kaffee ein, sie blickt ihn dafür bewundernd an. Klassiker! Man kann es leider nicht erkennen, aber wahrscheinlich hat der Christian sogar den Kragenknopf seines Hemdes unter dem Pullover geöffnet! Ich glaube das, ich will es unbedingt glauben, der ist so cool. Und für mich die Offenbarung: Meine Eltern haben dasselbe Kaffee-Service wie die Wulffs!
  • Seite 23: Unser Christian ist im Herzen wirklich jung geblieben: „Im Juli 2009 posiert Wulff in seinem Büro mit Indianerkopfschmuck“ doch er ist eine zerrissene Persönlichkeit, wollte er doch viel lieber Busfahrer werden. Und wurde Ministerpräsident! Wie zerrissen Wullf tatsächlich ist wird dem Kenner beim Blick auf den Kopfschmuck deutlich, sie sind von den Bad Segeberger Karl May Festspiele. Ein Niedersächsischer Ministerpräsident als Indianer aus Bad Segeberg verkleidet. Das hat noch nicht mal Markworts Frau in der Bunten geschafft! (Obwohl: Sie bemüht sich ja…)

Wenn Sie es aushalten, können wir jetzt mit dem Text weiter machen, denn die Fotos haben uns erst aufgewärmt…

Christian Wulff hatte einen Plan, so lesen wir. Und er weihte nur ganz wenige ein! Eine ganz geheime Sache plante der Christian: Er wollte Elternzeit nehmen, nur für ein paar Wochen. Ungewöhnlich. „Ein Papi wie viele“. Sehr Ungewöhnlich! Vielleicht gar eine „geniale PR-Strategie“? Unglaublich!

Doch Christian Wulff ist wirklich ungewöhnlich, nicht nur weil er der jüngste Präsident sein wird, sondern auch ein Jurist aus Osnabrück (!) ist, ein (Alliteration!) „lässiger Lebemann“, der „auf Partys parliert“ und „traditionelle Tugenden preist“. Doch Wulff ist mehr, Wulff ist gar „die Abrundung eines gesellschaftlichen Trends“ und Berlin glitzerte mit ihm noch farbenfroher: nach dem schwulem Westerwelle, der Pfarrerstochter im Kanzleramt und einem adoptierten Vietnamesen im Gesundheitsministerium nun ein Patchwork-Papi als Staatsoberhaupt. Wahnsinn, wie ungewöhnlich. Focus hat das als erste Zeitschrift recherchiert, analysiert, bewertet und veröffentlicht.

Der Kandidat für das Präsidentenamt hatte laut Focus eine spannende Kindheit: Vater und Stiefvater abgehauen, Mutter krank, Rollstuhl, Elternabend für die Schwester. Das ist „sicher nicht langweilig“. Er organisiert brave Discoabende bis 22 Uhr, er wird bekannt, 1978 Bundesvorsitz in einer CDU-Schülerorganisation, auch das finde ich spannend. Er diskutiert geschickt, indem er sich nur zu Themen äussert, mit denen er sich auskennt. Ungewöhnlich!

Wulff war „kein Streber“ aber sein Lehrer (SPD!) mochte ihn. Ich bin ganz aufgewühlt. Sogar der Schulleiter (auch SPD!) attestiert dem jungen Wulff Rechtsbewusstsein und Gesprächsbereitschaft. Eigenschaften, die ihn laut Focus für den Bundespräsidenten geeignet erscheinen lassen. Rechtsbewusstsein und Gesprächsbereitschaft, dazu noch über Vierzig – wenn das keine Argumente sind. Vielleicht saß auch der Christian nachts neben seinem Telefon. Ach nein, der Christian hat ja selber angerufen.

Es folgen Politik als Familien-, ein CDU-Mann als Vater-Ersatz, seine Freunde halten ihn für eine große Nummer, ich bin gebannt, kann gar nicht aufhören. Im Studium endlich Partys und Mädchen nach dem Motto „Jugend forscht“ – wie frech! Er „akquiriert“ seine spätere Ehefrau.  Und auch das ist ungewöhnlich: In nur 12 Jahren schafft Wulff den „medialen Turnaround“, benennt sogar eine türkischstämmige Ministerin. Schon mit Mitte Vierzig hat er eine neue Brille, kennt „flippige Kreative“ und hat einen Filmproduzenten als „Buddy“, der ihm Treffen mit bekannten Schauspielern organisiert. Ach Du heilige Mutter Gottes…

Ich bin total bewegt. So ein spannendes Leben mit Stiefvätern und Studentenpartys. So eine lässige Brille und so ein schönes Kaffee-Service. Das ist die junge Republik, „Die NEUE junge Republik!“ möchte ich rufen, ich bin ekstatisch, weil das alles so ungewöhnlich ist und dabei nur ein bisschen konservativ und so cool-katholisch. Der Patchwork-Papi der Veronica Ferres kennt ist der Präsident, den wir brauchen.

Danke Focus.

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Update 15.Jun.2010: Focus traut sich noch nicht das Machwerk in voller Länge live zu stellen, aber eine der besten Passagen ist bei focus.de doch schon zu lesen. Und die Fotostrecke versöhnt dann schon wieder mit der Kurzversion…

PS: Focus tat es wieder, diesmal unter anderem Vorzeichen und mit Stefan Raab. Als Subjekt der „Recherche“ hat Raab eine Gegendarstellung veranlasst, sie ist lesenswerter als der Artikel. Stefan Niggemeier hat sich ein paar Gedanken dazu gemacht. Auch Der Freitag hat das Thema aufgegriffen.

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Focus Nr. 23/10 vom 7.Juli 2010 (Scan von meedia.de):

Focus Titel Nr. 23/2010


32 Responses to “Focus enthüllt”

  • freiwild Says:

    Danke. Diese volle Dröhnung Focus ist perfekt für einen tollen Start in den Tag.

  • Leser Says:

    Chapeau! Was für ein gelungener Artikel – habe mich sehr amüsiert! Um es mit Monika Maron auf den Punkt zu bringen: Die Biografie von Herrn Wulff liest sich wie die Geschichte der CDU in Niedersachen.

  • Tweets that mention Focus enthüllt | Die Ganze Wahrheit -- Topsy.com Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by metermaid, Joerg Heidrich. Joerg Heidrich said: Ach? Focus gibt es noch? "Katholik und cool: Das aufwühlende Leben des Christian Wulff" http://krz.ch/v1jm (via @BILDblog) […]

  • RobH Says:

    Danke. Jetzt brauche ich mir den Mist nicht mehr selbst kaufen.

  • Stupor Says:

    Köstlich! Selbst aus zweiter Hand fällt einem beim Lesen das Atmen schwer! In einem Punkt hätte der Autor jedoch schon etwas mehr ins Detail gehen können: UM WAS FÜR EIN KAFFEE-SERVICE HANDELT ES SICH DENN GENAU??? Und wo bekomme ich es?

  • Guido Says:

    Danke Danke Danke

    Sprichst mir sooo aus dem Herzen

  • Oliver Says:

    Prima Artikel, danke.

    Beim lesen des Originals bin ich auf Seite zwei bereits eingeschlafen :-D

  • David Braun Says:

    Der Focus veröffentlicht jede Woche so etwas. Der Focus ist buntes zusammengetackertes Klopapier.

  • shadow Says:

    Wenn das nicht gewollte mediale Verblödungsversuche bzw. Propaganda ist, weiß ich auch nicht mehr.
    Das kann einfach nicht wahr sein..

  • jan Says:

    You made my day :)
    Schade das es kein flattr-button hier gibt :(

  • Darkman Says:

    Christian Wulff ist ein Mann aus dem Volk.
    So einen brauchen wir.
    Fast schon ein Rebell unter all den Berufspolitikern.
    Mitunter lockert er sogar seine Krawatte während der Arbeitszeit.
    Unbestätigten Gerüchten zufolge soll er auch schon im Sommer beim Tragen kurzer Hosen gesehen worden sein.

  • neu.ohnehin.com » Ganz großes Popcorn-Potential: Focus enthüllt Wulffs Leben Says:

    […] → 14:13 Uhr Focus enthüllt ganz unverhohlen das aufwühlende Leben von Wulff. Ganz großes Popcorn-Potential! […]

  • bee Says:

    Würg mit ü. Treffender kann man die Berlusconisierung der deutschen Politik durch FDJ und FDP mit Hilfe eines Parteizinnsoldaten nicht beschreiben. Selbst Operettenrepubliken, in denen das Volk wie zufällig immer zu 99 Prozent die engere Verwandtschaft des Juntachefs in öffentliche Ämter wählt, verbittet man sich Vergleiche mit diesem Kasperletheater, das den Demokraten Sodbrennen verursacht. Sehr gut geschrieben.

  • ml Says:

    DANKE

  • yoko Says:

    wundervoll! selten so gelacht. auch von mir ein herzliches DANKE! :)

  • Achim Says:

    Ja das ist er, der Focus, der dereinst startete, der Spiegel von Burda zu werden und dann doch nur ein blasser Abklatsch vom Stern wurde.
    Wer den Focus ernst nimmt, dem ist nicht mehr zu helfen.
    Nicht, dass der Spiegel wirklich seriös wäre, und der Stern ist es schon mal gar nicht.

  • Viktor Says:

    Wulff oder Gauck als Bundespräsident? Ist mir egal. Beide sind geeignet.

  • Frank Says:

    Sensationeller Beitrag! :-)
    Das ist der fantastisch frenetische Focus und der Wulff auch bald der Patchwork-Papi-Präsident.

  • Tilman Says:

    Super Artikel. Der Spiegel ist zwar mit seinen Titelseiten auch nicht besser (halt ein Begleitmedium ^^), wenn man ehrlich ist, aber dieser Focus-Duktus ist so zum kotzen, gut zusammengestellt! Hoffentlich wird es nicht Wulff.

  • So geht Qualitätsjournalismus « … Kaffee bei mir? Says:

    [über Markworts Tagebuch] […] Häppchen, die zum großen Teil seine höchst persönliche Sicht der Dinge ausdrücken. Auch sonst legt er Wert darauf, den Leser zu fesseln, ohne ihm jedoch allzuviel greifbare Information […]

  • Nicolas Says:

    Selbst bei der eigenen Kundschaft scheint die Eloge auf dieses prickelnde Stück Niedersachsen nicht zu verfangen. Immerhin 70,5 Prozent der Teilnehmer an der unten angehängten Umfrage möchte den aus Focus-Sicht sicher Furzlangweiligen Ossi Gauck als Präsidenten haben.

  • vera Says:

    Großes Tennis, danke dafür.

  • ThehakkeMadman Says:

    Vielen Dank. Werde diese legère Lektüre (!) meinem Vater zeigen, da er ja immer so vom Fokus schwärmt, weil da ja so viel über Politik drinsteht.

  • Kölner Says:

    Hätte gerne sehr stark gelacht, ging aber nicht, Baby schläft.
    Danke trotzdem! Endlich mal jemand mit Sinn für Sprache und Blick fürs Wesentliche!
    Als ich gehört habe, wen die jetzt im Ernst zum Präsidenten machen wollen, habe ich kurz überlegt auszuwandern… Wenn schon Bananenrepublik, dann mit besserem Wetter!

  • Links anne Ruhr (16.06.2010) » Pottblog Says:

    […] Focus enthüllt: Das aufwühlende Leben des Christian Wulff (Die Ganze Wahrheit) – Präsidentschaftskandidat Christian Wulff (CDU) führt – so der Focus – ein sehr aufregendes Leben. Diesem Scoop des Enthüllungsjournalismus widmet sich das Blog Die ganze Wahrheit. […]

  • Tharben Says:

    Wow! Der Focus und der Markwort: die Besten der Besten der Besten, Sir!

  • Freundblase Says:

    Ich habe selten so gelacht, herrlich. Gelungener Artikel, ich schau jetzt öffter auf die Seite.

  • VonFernSeher Says:

    Häärlysch!

    Wer so schön zwischen Polemik und Satire kurz vor dem Abdriften noch die Kurve kratzt, der hat es nicht besser verdient. Und darum noch eins: Häärlysch!
    Und jetzt bitte mehr davon…

  • Stupor Says:

    Ach, Du hast tatsächlich nach dem Geschirr recherchiert ;)
    Bei näherer Betrachtung denke ich allerdings, dass es neben meinem Camping-Besteck und den Senfgläsern doch etwas zu protzig wirken könnte…