Focus-Legionäre, eingebettet

Uli Baur verabschiedet sich zum Ende des Jahres als Chefredakteur vom Focus und gibt der FAZ ein Interview. „Klarer Journalismus“ sei sein Ziel und er verrät: „Ich will jede Woche ein Blatt machen, das jene Menschen interessiert, die ich als „bürgerlich-verantwortungsbewusst“ bezeichnen möchte.“

Am darauf folgenden Montag kommt ein 15-seitiges Stück über die Fremdenlegion auf den Titel.

Eingebettete Journalisten brachten den Irakkrieg in die Wohnzimmer und den seriösen Nachrichtenjournalismus in die Kritik: Ständig auf der Suche nach relevanten Themen ließen sich Journalisten in eine Propagandamaschinerie einspannen und der aufmerksame Medienkonsument wurde zunehmend kritischer gegenüber einer Berichterstattung, die distanzlos von chirurgischer Präzision schwärmte während Menschen, Soldaten, Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder starben.
Das Grauen des Krieges? Erfolgreich ausgeblendet.

Mangels einbettbarer Kriege ( in Libyen ist schon Schluss, in Afghanistan auch bald, Kampfpanzer für Saudi-Arabien noch nicht umgesetzt, Syrien und Sudan ein bisschen zu komplex, Afrika generell zu wenig relevant) entschloss man sich beim Focus offenbar dazu, sich bei einer Kampftruppe einzubetten, die überall im Einsatz ist, wo harte Jungs gebraucht werden. Und so bettete man beim Focus die harte Männergeschichte über „Die Legion der Krieger“ folgerichtig in ein Heft ein, das als weitere Themen den Euro-Rauswurf der Griechen, Wowereits Problem-BER, Medizin für „ihn“ und die Championsleague thematisiert.

Auf 15 (fünfzehn!) Seiten lesen wir starke Sprüche und erfahren von deutschem Soldatenbrauchtum, lernen, dass die Fremdenlegionäre gerne beliebte Wehrmachtslieder singen, dass Deutsche das Rückrat der Legion bildeten, wir erfahren von Trinksitten und die Zahl kürzlich ausgeschalteter Heckenschützen und wissen: Heckenschützen sind die anderen, die der Fremdenlegion sind dagegen in einem Anti-Sniper-Team organisiert.

Wir erfahren, dass das 3. Infanterie-Regiment bei den örtlichen Prostituierten des Militärbordells recht beliebt sei, das ganze Regiment. Auch das 1. Kavallerie-Regiment wird gepriesen, sowie das Department auf Madagaskar, doch Focus-Reporter Hufelschulte vergisst die eMail-Adressen der „Regimenter“ für den geneigten Leser anzugeben und auch die Adresse des Bordells.

Der stets fröhliche Pole, der nicht davor schreckt, sich mit 160 Kilo zwischen den Beinen in 5000 Metern aus einem Flugzeug zu werfen, wird dagegen nicht verschwiegen, eben so wenig wie Präzisionsschütze Goran, dessen Kaliber 12,7×99 Millimeter misst und damit noch aus 1600 Meter  feindliche Kämpfer erschießen kann. „Menschen?“ fragt er, „wir sprechen von Zielpersonen“ und die Zielgruppe vermisst die Bestellnummer seiner Ratio Hécate II.
Fotograf Priske schafft es, gleich drei „Deutsche Legionäre“ auf ein Bild zu bekommen, einem davon war der Job als Automechaniker zu öde und so schützte der 27-jährige zuletzt Pariser Metro Stationen vor Attentätern, Hurra.

Wir lesen, dass all die harten Hunde die wir kennen lernen, mal ganz normale Menschen waren; Physiotherapeuten und Pattisiers, talentierte Fußballer und erfolgreiche Freistilringer, die unter der Reichskriegsflagge der Kaiserzeit Bier trinken und trotz gezieltem Schlafentzug Vokabeln pauken. Und wir sollen glauben, es röche im Schlafsaal von 70 Mann, wo Macker sofort Prügel bezögen, nur „nach feuchter Wäsche“.

In Infokästen informiert der Focus den Nachwuchs über Grundgehalt und Truppenstärke, die wichtigsten Feldzüge, „den Wind des Todes“, eingestreut zwischen Aufzählungen verlustreicher Schlachten im Indochina-Krieg und heroischem Widerstand gegen eine Übermacht in Mexico.

Der „Insider Report“ über „die härtesten Männer der Welt“ verspricht die Frage zu beantworten, ob die Legionäre „Elite-Killer, Abenteurer oder Friedensstifter“ sind und raunt „Erst im Feuergefecht merkst Du, was ein Mann wirklich draufhat.“

Wenn man auch kritisieren mag, dass der aktuelle Focus-Titel weniger dem journalistischen Kriterium „Relevanz“ gerecht wird, so muss man Blattmacher Baur doch einräumen, dass der Focus für seine Zielgruppe – die „Leistungsträger, auf deren Schultern unsere Republik steht, die Schaffer und Macher, von der Krankenschwester bis zum Chefarzt, vom Facharbeiter bis zum Ingenieur“ – wenigstens einordnet: „Ein Schuss, ein Treffer“, könnte man sagen, ist zielgenau zwischen einem „Interview“ mit dem ukrainischen Regierungschef  Asarow („Ich fühle mich beleidigt“) und einem Beitrag über Deutschlands militante Salafsisten, die „radikaler als Bin Laden“ seien, eingeordnet, ja eingebettet. Das ist der Kontext, in dem der „erfahrene Blattmacher“ Baur seine Männergeschichte positioniert.

Höhepunkt des Männer-Reports ist, laut Chefredakteur, das kameradschaftliche Schulterklopfen eines Fremdenlegion-Offiziers und „wahren Haudegens“: So nah wie der Focus war noch nie jemand an ihnen dran.

Na denn, „Stillgestanden!“

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