Ethik der Fairness als Leitlinie in der Politik statt Religion, Moral und Klientelpolitik

Mein Beitrag zum dialog-ueber-deutschland.de

Ich sehe die Rolle der Kirchen in der Politik kritisch. Basis für ihre Moralvorstellungen ist ein Glaubensbekenntnis, dass nur eine Minderheit nachvollziehen kann – diejenigen, die tatsächlich glauben, das sind nicht unbedingt diejenigen, die getauft sind oder in die Kirche gehen.
Dagegen ist die Vernunft gesellschaftlicher Konsens.

Philosophie und Wissenschaft können als Grundlage für gute (gut im Sinne von ethisch) Entscheidungen dienen. Sie basieren nicht auf (kaum nachvollziehbaren) Dogmen, sondern stellen den aktuellen Wissens- und Erkenntnisstand unserer Gesellschaft dar – sie haben dadurch eine kontinuierliche Verbesserung quasi schon eingebaut.

Eine der Vernunft und einer Ethik der Fairness verpflichtete Politik, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt, hat darüberhinaus den Charme, in der “Auseinandersetzung” mit dem Islam glaubhaft eine unparteiische Position einnehmen zu können.

Eine Ethik der Fairness kann gesellschaftlichen Regeln zur Durchsetzung verhelfen, die dem Menschen entsprechen: Denn Fairness ist nachvollziehbar. Kooperation und Empathie sind tief in uns verwurzelt. Religion ist nicht notwendig, um das Zusammenleben zu regeln – für den Privatmann kann und darf sie dies bleiben.

Eine freie, vernünftige, aufgeklärte Gesellschaft kann aus sich heraus gerechte Regeln entwickeln, das Grundgesetz ist eines der besten Beispiele dafür.


  • Aris

    So sehr ich diesem Ansatz in der Theorie auch beipflichten möchte, möchte ich in der Praxis doch widersprechen:

    Im Gegensatz zur Philosophie oder Vernunft bietet die Religion in bestimmten Teilen doch einfach und sinnvolle Regeln. Die 10 Gebote sind schlichte Regeln, ein Leben nach diesen (oder zumindest nach den meisten dieser) Regeln würde Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander schaffen. In dem Augenblick, wenn Religion zur Theologie wird, mit Abstechern zur Philosophie und Ethik, verliert sie ihre Eindeutigkeit.

    Philosophie, Ethik (insbesondere die Ethik der Fairness) und Vernunft unterliegen viel zu sehr der eigenen Interpretation, als dass sie als Basis für gerechte Regeln gelten könnten. Wer legt die Regeln fest? Es ließe sich trefflich darüber streiten und eigentlich tut Politik nichts anderes.

    Ein Beispiel: Ich halte die “Energiewende” für unvernünftig, ideologiegetrieben und in ihren Folgen auch für unethisch. Viele (und ich befürchte, der Großteil der deutschen Bevölkerung) wird mir hier widersprechen. Ich will nicht sagen, dass ich Inhaber der reinen Wahrheit bin, aber ich glaube eben auch nicht, dass andere deswegen mehr recht haben.

    Wird die Bestimmung der Ethik also eine demokratische Mehrheitsentscheidung? Wie sähen die ersten Artikel des Grundgesetzes aus, wenn man heute neu über sie abstimmen ließe?

    Der Text klingt wie gesagt theoretisch wunderbar, die Deutung der einzelnen Begriffe verhindert jedoch, dass das Ergebnis dieser Idee nicht viel zu frei interpretierbar und damit beliebig macht.

    Einfach ein paar Gedanken dazu.

    • Anonymous

      Hallo Aris,

      danke für Ihren umfangreichen Kommentar.

      Ich bin völlig einverstanden, dass die zehn Gebote recht einfache Regeln sind. Konkret habe ich mit diesen relativ simplen Regeln ein paar ganz praktische Probleme: Sie entstanden in einem regional und zeitlich eng umgrenzten Kontext, so dass ich deren Anwendbarkeit im 21ten Jahrhundert (Rechtsstaat, Globalisierung, Aufklärung) bezweifle, die Quellenlage ist (meiner Meinung nach) zweifelhaft. Andere Religionsgemeinschaften haben ihr eigenes Regelwerk für das Zusammenleben entwickelt und schliesslich sind die sieben Gebote relativ banal.
      Und: Wir sind mit unserem GG auch schon weit darüber hinaus.

      Ich stimme Ihnen zu, dass Ethik keine demokratische Mehrheitsentscheidung ist oder sein sollte. Dennoch haben wir als Gesellschaft doch mit der parlamentarischen Demokratie einige recht gute Prinzipien erarbeitet, wie wir einen Konsens schaffen und gleichzeitig diesen Konsens ständig überprüfen und verbessern können.
      Dieses Prinzip ist grundlegend in der Wissenschaft. Gerade weil wir nicht im Besitz der reinen Wahrheit sind, müssen wir ständig versuchen ihr ein Stück näher zu kommen. Dieser Prozess hat nichts mit Beliebigkeit zu tun, er ist vielmehr eine vernunftbasierte Auseinandersetzung mit Erkenntissen und Argumenten. Und ich bezweifle, dass Religion dabei hilfreich ist.
      Jedem Einzelnen bleibt es unbenommen, seine Moral und Ethik (auch) religiös zu begründen, insofern wird Religion mehr oder weniger stark in persönlichen und politischen Entscheidungen mit schwingen. Mir persönlich liefert die Auseinandersetzung mit Philosophie und Wissenschaft _viel_ mehr Antworten als die Bibel.

      Danke für den Gedankenaustausch!