Wulffs lange Salami*

Manche nennen es Taktik, andere fehlendes Format. Bundespräsident Wulff hat sich in der Auseinandersetzung mit Deutschlands Boulevard dazu entschieden, seine Provinzialitätienz nicht gegen Professionalität einzutauschen und nur das zuzugeben, was nicht mehr zu verheimlichen ist.

Doch nach dem privaten Hauskredit geht es nun um die Wurst, um die Wahrheit, die nur scheibchenweise ans Licht kommt. Wulff dachte, er hätte eine ganz lange Salami, die Scheibchen würden ihm nicht ausgehen.

Der geneigte Souverän wollte bis Ende des Jahres nicht so recht den Daumen senken über einen Bundespräsidenten, dessen Nominierung zwar schon der erste Schritt zur Beschädigung Banalisierung des Amtes war. Doch der Souverän dachte noch, diese Medien sollen doch einfach noch dreieinhalb Jahre die Füße still halten, dann könnte man sich in der Bundesversammlung, nach neuen Mehrheiten im Bundestag, zu einem Bundespräsidenten von Format durchringen. Dieser Hauskredit des damaligen Landeschefs war ja so unsagbar kleinbürgerlich, trotz seiner Höhe eher eine Petitesse als ein Skandal: ein Privatdarlehen als Gegenleistung für drei Reisen für einen reichen Privatier, der sich von schwerer Krankheit in der Schweiz erholte? Noch nicht mal eine handfeste Amigo-Affäre?

Man spürte: Da ist nicht mehr, da hat sich der Wulff wohl nicht ganz schlau angestellt, ja mei, schon peinlich, aber Schwamm drüber. Man war geneigt zu glauben, hoffte, auch diese Salami sei ja wohl mal zu Ende, es roch auch schon ranzig, es gibt doch weißgott Wichtigeres. Ägypten. Menschenrechte. Nordkorea. Pressefreiheit. Europäische Werte. Grundrechte. Die ungarische Verfassungsänderung. Staatstrojaner. Verfassungsschutz. Das Grundgesetz. Solche Sachen.

Doch Wulff war bezüglich der noch aufzuschneidenden Wurst anderer Meinung als der Souverän. Nur so ist begreifbar, warum er meinte, den Chefredakteur von Deutschlands lautestem Boulevardblatt überreden zu können, den Scoop zum Hauskauf** nicht zu bringen. Und dessen Chef. Und dessen Chefin. Um Himmels willen: glaubte Wulff tatsächlich, er könne einen „Krieg“ androhen weil er die längere Salami hätte, ihm die Scheibchen nicht ausgehen würden? Dass der Matthias den Kai seine Redakteure zurückpfeifen lassen würde weil der Christian angerufen hatte? Oder die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Axel Springer AG ihren eigenen Vorstandschef? Weil der Christian ja schliesslich der Präsident sei?

Er könne Strafanzeige gegen Redakteure androhen weil er unser fucking Bundespräsident ist? Hat er das geglaubt?***
Alles hat ein Ende, sogar Wulffs Salami. Es ist Zeit für ihn, sich selbst anzuzeigen: Wegen Verunglimpfung des Bundespräsidenten. Ich bin nicht mehr meiner Meinung

 

*Nein, nicht was Sie denken.

** Es ist denkbar, dass es sich Wulffs bei Beschwerde bei Diekmann nicht nur um den Kredit drehte. Die Recherchemethoden des Blattes sind ja nicht unumstritten, weglassen von Details können sie auch gut.  Und der Leak des eigentlich beigelegten Streits an die FAS ist auch dubios, immerhin sah Diekmann die Sache als erledigt an.

Süddeutsche Zeitung:

Nach SZ-Informationen hat Wulff noch einmal Kontakt zu Diekmann aufgenommen, den Anruf bedauert – und dieser die Sache dann für erledigt erklärt.
süddeutsche.de,  2.Jan.2012

Michael Spreng:

So weit die Inszenierung, denn die ”Bild-Zeitung” wusste seit der ersten Veröffentlichung, welchen finalen Pfeil sie noch im Köcher hat.
Sprengsatz, 3.Jan.2012

*** Weil das nicht funktionierte, ist die Pressefreiheit ist eben nicht tangiert:

Was ist das Problem? Wulff hat gedroht, er hatte keinen Hebel, er konnte sich nicht durchsetzen, die Vierte Gewalt hat funktioniert.
Küppersbusch auf DRadio Kultur, 3.Jan.2012

Dass Wulff als Looser dasteht, hat er einzig Diekmann zu verdanken.

http://twitter.com/#!/lassebecker/status/153783850961600512

 

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