Ich betone: „Vorerst“

Karl Guttenberg hatte nicht immer ein glückliches Händchen für Timing. Im Falle seiner plagiierten Dissertation erklärte er sich nur (unzureichend) zu dem, was nicht mehr abzustreiten war, sein Timing hinkte der Wahrnehmung der Öffentlichkeit hoffnungslos hinterher.

UPDATE (20.Jan.2012) – Karl Guttenberg lässt die CSU-Führung in einem Brief wissen, dass er mittelfristig kein politisches Comeback plane. Offensichtlich liegt der Grund dafür auch am hier dokumentierten verheerenden Medienecho nach seiner Buchveröffentlichung mit Giovanni di Lorenzo.

Nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister, seinem Rückzug aus der Politik und nach monatelanger Vermeidung von Öffentlichkeit folgt nun jedoch konzertierte PR-Arbeit. Das ist nicht nur ein abgestimmtes Timing für sein Comeback und ein Buch, es ist krasser.

Es ist eine Frechheit.

Nun wartet der eine oder die andere noch auf eine (wenn schon keine glaubhafte, dann zumindest überhaupt eine) Entschuldigung Guttenbergs. Zum Beispiel Sonja Volkmann-Schluck, Redakteurin beim Journalisten-Netzwerk „n-ost„, Geschädigte und eine der fast 200 Anzeigenden sagt, Karl Guttenberg habe „getäuscht, ohne ehrlich zu bereuen.“

Eine Entschuldigung unterblieb bisher womöglich wegen des laufenden strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen ihn, welches nun gegen eine Strafzahlung in Höhe von 20.000 Euro zu Gunsten der Deutschen Kinderkrebshilfe eingestellt worden ist. Einer öffentlichen Entschuldigung für seinen Betrug (den Vorsatz stellte die Universität Bayreuth bereits fest), steht nichts mehr im Wege.

Doch so weit wird es nicht kommen.

Interview, Auftritt und Buchtitel sprechen eine andere Sprache. Zwar wehrte sich Guttenberg nicht, als er im Bundestag Lügner, Hochstapler und Betrüger genannt wurde, doch vermied er es bis heute die Schuld bei sich zu suchen. Auch mied er zwei prominente Gelegenheiten sich glaubhaft mit seiner Verfehlung auseinanderzusetzen: Er nahm weder das Gesprächsangebot seiner Universität zur Klärung der Vorwürfe wahr, noch erschien er wegen der anhängigen Strafsache in Hof.

Mehr noch: Er widerspricht seiner Universität, die ihm absichtliche Täuschung nachwies und brüskiert sie und seinen Doktorvater somit ein zweites Mal. Er missversteht die Einigung seiner Anwälte mit der Staatsanwaltschaft Hof als einen Freispruch, obwohl ihm an 23 Stellen strafrechtlich relevante Urheberrechtsverletzungen nachgewiesen wurden.

So wie seine Aussage, er würde den Doktortitel „ich betone: vorübergehend“ nicht mehr führen etwas verfrüht war, so ist es nun seine PR-Offensive: Karl Guttenberg betont nun im Buchtitel nur „vorerst“ gescheitert zu sein. Wie dreist: Der überführte Betrüger vermeldet aus dem Ausland, sein „Scheitern“ sei vorübergehend.
Ohne sich der Öffentlichkeit gestellt zu haben.

Doch viel interessanter ist, wieso Guttenberg meint, gescheitert zu sein. Weil sein Betrug herauskam?  Weil man ihm nicht abnahm, es zeige Größe, wenn er im Bundestag „Fehler“ eingestehe ohne sie zu benennen? Weil er seinen Rücktritt nicht verhindern konnte? Weil Verteidigungsminister deMaiziere seine Bundeswehrreform, das „bestellte Haus“ als Luftnummer entlarvte? Weil Opel nicht verkauft wurde?

Weil seine Lügen nicht verfingen?

Guttenberg hat nichts verstanden.

 


PS: Guttenberg „gesteht Fehler ein, aber keinen Betrug“. Und so sind auch acht Monate nach seinem Rücktritt keine neuen Erkenntnisse von ihm zu erwarten:

„Ich wusste offensichtlich später auch nicht mehr, an welchem Text ich selbst bereits gearbeitet hatte, welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war, insbesondere beim Zusammenfügen dieser Bruchstücke.“
Guttenberg im Buch „Vorerst gescheitert“

PPS: Hannes Vogel vom Handelsblatt erinnert an Guttenbergs Versprechen und den eigentlichen Grund seines Rücktritts:

„Es ist mir ein aufrichtiges Anliegen, mich an der Klärung der Fragen hinsichtlich meiner Dissertation zu beteiligen“ versprach Guttenberg bei seinem Rücktritt – Worte, die nun wie blanker Hohn klingen. Zudem begründetete der Verteidigungsminister seinen Rücktritt nicht mit seiner Doktor-Schummelei. Er könne er es nicht länger ertragen, dass die Diskussion um seine Dissertation den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten in Afghanistan überlagere, sagte Guttenberg. Er gestand nicht seine Verantwortung ein, sondern instrumentalisierte tote Soldaten, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Mit der Einstellung des Strafverfahrens geht er wieder denselben Weg.
Hannes Vogel, Handelsblatt

PPS: Die FAZ zitierte nach Veröffentlichung den Untersuchungsbericht der Uni Bayreuth:

Die Universität Bayreuth erhebt in ihrem abschließenden Bericht zur Plagiatsaffäre schwere Vorwürfe gegen den früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Er habe vorsätzlich getäuscht und bewusst gefälscht. „Diese objektiv bestehenden Täuschungen durchziehen die Arbeit als werkprägendes Bearbeitungsmuster“.
FAZ, 11.Mai.2001

 

PPPS: GuttenPlag hat verstanden und „das Internet“ liefert schon erste Ergebnisse: das Netzwerk analysierte eine Arbeit Guttenbergs aus dem Jahre 2004. Sie stellen fest, dass die Arbeitweise sich in vier Jahren nicht geändert hat:

„Unsere Analyse des Beitrags zeigt, dass sich hier in kleiner Form das Bauprinzip der Doktorarbeit widerspiegelt. […] Wenn Guttenberg sagt, dass er in seiner Dissertation aufgrund deren erheblichen Umfangs den Überblick verloren habe, dann ist das gelogen.“
Welt

PPPPS: Soviel Zeit muss sein: Karl Guttenberg in einem Schreiben an die CSU, aus dem die Süddeutsche zitiert:

Nicht jede meiner Reaktionen und Äußerungen im vergangenen Jahr, das ich als extrem empfunden habe, war klug. Rückblickend waren auch die letzten Wochen missglückt, die Vielen, obgleich es nicht meine Absicht war, wie eine Comeback-Inszenierung erschienen. Auch hieraus habe ich meine Lehren und Konsequenzen zu ziehen. Dies erfordert jedoch Zeit und Abstand.
Karl Guttenberg

 


 

Stimmen (eine subjektive Auswahl):

„Von ihm bleibt das Bild eines Mannes, der eine Brille trug, obwohl er sie nicht brauchte. Und der einen Doktortitel verwendete, der ihm nicht gebührte. Das ist ein viel größeres Problem. Und das hat er noch immer nicht erkannt.“
Marie Amrhein, Cicero

„Erst nach seinem Abgang hat sich in voller Breite die Substanzlosigkeit seiner bisherigen Arbeit gezeigt. Als Wirtschaftsminister war er ein Phrasendrescher, kaum in der Lage, mehr über soziale Marktwirtschaft zu berichten als in ein paar Broschüren nachzulesen ist. Seine Bundeswehrreform: Murks. Seinem Nachfolger im Verteidigungsministerium, Thomas de Maiziere, ist zu verdanken, dass Guttenbergs chaotische Planungen jetzt geräuschlos abgeschlossen werden konnten. […]
Was er kann: Selbstinszenierung und Imagepflege. Das zeigt sich jetzt wieder. Öffentlicher Auftritt in Kanada, Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen 20.000 Euro Geldauflage, Interview in der Zeit, Ankündigung eines Buches mit dem selbstsprechenden Titel „Vorerst gescheitert“. Alles in etwas mehr als einer Woche. Wer das alles für Zufall hält, der unterschätzt die wenigen Qualitäten, die Guttenberg zugeschrieben werden müssen.“
Thorsten Denkler, Sueddeutsche.de 

“ „Denkbar größte Dummheit“ – ich möchte jetzt gar nicht an die denkbar undurchdachteste Bundeswehrreform erinnern, mit deren Trümmern jetzt Ihr Nachfolger klarkommen muss, mir reicht dieser eine Gedanke: Egal welchen Mist Sie, der Sie noch keine 40 Jahre alt sind, in Zukunft verzapfen, nichts ist so folgenschwer zu bewerten wie dieser, wie Sie sagen, aus der Überforderung entstandene Textübersichtsverlust.“
Silke Burmester, spiegel.de

Aus einer Zusammenstellung bei focus-online:

„Guttenbergs Interviews und seine oberlehrerhafte Kritik an Europas Politikern lassen indes befürchten, dass die Selbstinszenierung als reuiger Sünder, auf den man schlecht verzichten kann, soeben erst begonnen hat.“
„Nordwest-Zeitung“ (Oldenburg)

„Leider regiert nicht Moral, sondern Macht und Populismus die Politik. Deshalb dürfte die Rückkehr des CSU-Politikers in die Berliner Politik nur noch eine Frage der Zeit sein.“
Rhein-Zeitung

„Die wenigsten der plagiierten Texte unterlagen dem strengen Schutz des Urheberrechts. Abgeschrieben wurden sie aber trotzdem – und zwar von jenem Mann, der jetzt damit beginnt, die mehr als wohlwollende Hofer Entscheidung frech in die für sein politisches Comeback nötige Reinwaschung umzudeuten.“
Nürnberger Nachrichten

„Dabei braucht der fränkische Freiherr nichts zu überstürzen, kann sich die Reaktionen auf die gestartete ´Mission Comeback´ erstmal in Ruhe anschauen.“
Flensburger Tageblatt

„Was von Guttenberg zu halten ist, das wissen jene, die sich jetzt mit der Bundeswehrreform plagen müssen, die auf ihn zurückgeht.“
Thüringische Landeszeitung

„Bis heute hat der CSU-Mann nicht verstanden, welchen Schaden er mit seinen Plagiatskünsten angerichtet hat. Bis heute ignoriert er die Verbindung zwischen persönlichem Anstand und politischer Glaubwürdigkeit. Bis heute geraten ihm selbst Gesten der Einsicht zur Inszenierung.“
Badische Zeitung

„So glamourös die Auftritte von ´KT´ auch gewesen sein mögen, können sie doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine konkreten eigenen Leistungen überschaubar blieben.“
Hannoversche Allgemeinen Zeitung

„Zudem darf man nicht vergessen, dass Guttenberg mehrfach die Unwahrheit gesagt hat. Das war der eigentliche Skandal.“
Freie Presse

„Seine Rechtfertigung, die die hohe Zahl der kopierten Stellen nicht erklären kann, ist auch acht Monate nach seinem Rücktritt nicht glaubwürdiger.“
Financial Times Deutschland

„Der Franke – einst als politisches Großtalent gefördert – hat seine Glaubwürdigkeit verspielt. Daran ändert auch die Einstellung des Ermittlungsverfahrens nichts.“
Südkurier

„Die Frage ist, ob die Politik einen Blender wie Guttenberg, der nie echte Reue über sein Tun gezeigt hat, wirklich braucht. Zumal seine politische Bilanz bei näherem Hinsehen bescheiden ausfällt.“
Heilbronner Stimme

Und zu guter Letzt:

Der Präsident der europäischen Kommission José Manuel Barroso erklärte: „Sämtliche Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen, die Diskussion über die Einführung von Euro-Bonds sowie eine mögliche Erhöhung des Rettungsschirmes werden auf Eis gelegt, bis sich Deutschland einig ist, wie die nächsten Schritte eines im Ausland lebenden ehemaligen Politikers aussehen.“
Der Postillon

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4 Responses to “Ich betone: „Vorerst“”

  • Anonymous Says:

    „Guttenberg hat nichts verstanden.“

    Oder genau das Gegenteil. Ich befürchte, er HAT „es“ verstanden. DAS ist das eigentlich Beängstigende.

    Populistische Demagogen (der Plagiator in Halifax über die „Krise der politischen Führung“ in Europa: Kein Politiker – inkl. Merkel – verstehe es, den Menschen zu erklären, was in Europa auf dem Spiel steht) sollte man nicht unterschätzen. Never. Vor allem, wenn sie niemals Fehler gemacht haben. Und die Justiz das weitgehend bestätigt.

    Weite Teile von Gesellschaft, Wissenschaft und Poltik werden in wenigen Wochen mit den Schultern zucken. – Und der Lichtgestalt erneut zujubeln.

    Tja.

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