Sarrazin und die Zahlen

Thilo Sarrazin kann es nicht lassen. Der pensionierte Provokateur spazierte durch Kreuzberg, möglicherweise, weil die Auflage seines Buches zuletzt etwas nachließ. Der folgende Rausschmiss aus dem Berliner Viertel wurde noch vor Ausstrahlung des dazu geplanten Fernsehbeitrags in der Presse vielfach kommentiert.

Die Kommentare erhellen die Tragödie Sarrazin.

Es gab schon einmal ein ungleiches Duell, als Thomas Gottschalk den Republikaner Franz Schönhuber in seine „Gottschalk Late-Night“ einlud – Gottschalk war ihm nicht gewachsen. Mit Sarrazin in Kreuzberg ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass der Provokateur nicht eingeladen wurde. Nun kann man, wie Henryk M. Broder, sicher einwenden, die Provokation Sarrazins sei doch gelungen, das sei doch ihr Zweck, die türkischstämmigen Kreuzberger hätten aber leider das Vorurteil ihrer Dialogunfähigkeit bestätigt, Bingo, Sarrazin hat Recht. Der „inszenierte Eklat“ als „legitimes Mittel“ (Broder) in einer funktionierenden Demokratie muss dann wohl auch insofern als Erfolg bezeichnet werden, dass die Junge Freiheit in der „Pogromstimmung“ gleich einen Vorboten zum Bürgerkrieg sieht.

Bravo, Broder.

Man kann das natürlich auch anders sehen. Die Politik-Redakteurin der ZEIT Özlem Topcu beispielsweise findet, die Kreuzberger hätten Thilo doch einfach einen Döner anbieten und mit ihm reden sollen statt ihn zu beschimpfen. Doch das wäre eben ein unfaires Duell geworden: Der Gemüsehändler gegen den zahlenbesessenen und wenig abstraktionsfähigen Ex-Finansenator? Das haben schon ganz andere Kaliber nicht geschafft.

Sie haben mein Buch nicht gelesen

Über eine Million Menschen hat es möglicherweise versucht „Deutschland schafft sich ab“ zu lesen. Die wenigsten davon werden es geschafft haben. Die Mehrheit wird besseres zu tun gehabt haben, wenn sie es nicht aus professionellen Gründen lesen mussten.

Aber Sie haben mein Buch nicht gelesen

Das kann man den meisten auch nicht verübeln. Ich bin bis Seite 19 gekommen und mühe mich seitdem, das Machwerk wiederzufinden, es wurde in sehr kurzer Zeit von relevanteren Werken untergestapelt – das Buch ist auch argumentativ schrecklich schlecht.

Aber Sie haben mein Buch nicht gelesen!

Doch es ist sogar zu erwarten, dass man das Buch nicht gelesen hat. Nicht nur aus qualitativen Gründen, sondern auch aus quantitativen. Und hier sind wir auf Sarrazins Terrain: Wenn wir wohlwollend davon ausgehen, dass etwa die Hälfte der Käufer „Deutschland schafft sich ab“ nicht einfach ins Bücherregal gestellt haben, bleiben noch etwa 81,3 Millionen Einwohner übrig, die es nicht gelesen haben. Im besten Fall (alle Käufer haben das Buch gelesen) beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Sarrazin einen Leser trifft, etwa 1,22 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Von 1.000 Menschen wären das etwa zwölf. Wieviele Leute waren in dem Restaurant, das Sarrazin besuchte? Wenn auch die begleitende ZDF-Redakteurin sein Buch gelesen hatte (das will ich doch wohl hoffen), ist die Erwartung noch einen dritten Leser zu treffen nur eines: illusorisch.

Es werden sich aber unter 1.000 Menschen mit Sicherheit weniger als zwölf finden, die sein Buch verstanden haben, geschweige denn so, wie er es verstanden haben wollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Berliner in Kreuzberg lebt ist mit 4,21 Prozent dagegen vergleichsweise hoch.

Insofern ist der Vorwurf man habe Sarrazins „Buch nicht gelesen“ ungefähr so überzeugend wie „Sie waren noch nie in Australien“.  Oder in Kreuzberg. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sarrazin schonmal in Kreuzberg war, liegt übrigens erst seit wenigen Tagen bei 100%.

Und es gibt sehr wahrscheinlich überhaupt nur einen unter den 81,77 Millionen Einwohnern, der das Buch auswendig kennt.

Doch Sarrazin wird diese Zahlen nicht zur Kenntnis nehmen und ich könnte ihm vorwerfen, er habe meinen Blog nicht gelesen, was außerordentlich wahrscheinlich ist. Geschenkt. Sarrazin ist nach Ansicht von Christoph Giesa aber auf der Mission eines Agent Provocateur, der sich „alleine in den Wind stellt“. Von Thilo Sarrazin können wir also keine konstruktiven Erkenntnisse erwarten.

Sarrazin möchte verstanden werden

Das tragische an Thilo Sarrazin ist, dass er verstanden werden möchte, dabei jedoch voraussetzt, dass Immigration zuerst unter wirtschaftlichen Aspekten zu bewerten sei, man ihm dann zustimmen müsste – er aber nicht zuhört. Es geht nicht um Detailwissen sondern um Zusammenhänge. Es geht nicht nur um persönliche Befindlichkeiten von Bevölkerungsgruppen, die vielleicht sein Buch nicht verstehen, sondern um Grundwerte in unserer Gesellschaft, zu denen zum Beispiel Freiheit und Puralismus gehören, sowie Empathie und Verantwortung gegenüber Schwächeren. Falls Sarrazin das noch nicht verstanden hat: Ihm kann geholfen werden.

Denn es gibt Gesprächsangebote, zum Beispiel von Seiten der Aleviten in Deutschland. Cigdem Toprak könnte dem ins Detail verliebten Buchautor den Horizont erweitern, indem sie ihm den Pluralismus erklärt. Den Anfang könnte der von Sarrazin möglicherweise noch nicht gehörte Begriff „säkulare Muslime“ machen. Auch sowas gibt es, mitten in Berlin.

Buchtipp

Buchcover: Transit Deutschland: Debatten zu Nation und MigrationBis dahin gibt es noch einen aktuellen Buchtipp für Thilo Sarrazin: „Transit Deutschland. Debatten zu Nation und Migration“. Als Einstimmung mag ihm die Rezension „Unterschwellig rechts“ beim Tagesspiegel helfen:

„Gerade diese begriffliche Nähe politischer Migrationsdebatten zu rechtsradikalem Gedankengut erschließt sich in dem Band auf nüchtern-dokumentarische Weise. „Jede multikulturelle Gesellschaft ist eine Konfliktgesellschaft“; die deutsche Sprache und Kultur müsse „selbstbewusst vertreten“ werden; es gebe einen „Vorrang der christlich-abendländischen Kultur in der schulischen Erziehung“ – Sätze, die im politischen Diskurs alltäglich und massentauglich scheinen. Sie entstammen dem Bundesparteiprogramm der Republikaner von 2002.“

Kontext

Ich habe bisher nur an einer Stelle einen Beitrag gelesen, der sogar Thilo Sarrazin deutlich machen könnte, in welcher Konnotation „Deutschland schafft sich ab“ bei Muslimen, Türken und Deutschen mit Migrationshintergund aufgenommen werden musste. Der Beitrag stammt von Giesbert Damaschke, das folgende zitiert er aus einer Radioansprache des Eugenikers Arthur Julius Gütt vom 26. Juli 1933:

Es ist eine leider bedenkliche Tatsache, dass zum Beispiel gerade oft Minderbegabte und Schwachsinnige sich erheblich stärker vermehren als die wertvollen Gruppen. Während die gesunde deutsche Familie besonders der gebildeten Schichten etwa zwei Kinder im Durchschnitt hat, weisen Schwachsinnige und andere erblich Minderwertige durchschnittlich Geburtenziffern von drei bis vier Kindern je Ehepaar auf.

Bei einem solchen Verhältnis ändert sich aber die Zusammensetzung eines Volkes von Generation zu Generation, so dass in etwa drei Geschlechter folgend die wertvolle Schicht fast völlig verschwunden ist und nur noch Minderwertige übrig bleiben. Das bedeutet dann aber den Untergang und das Aussterben der hochwertigen Menschen und Familien. So ist die Zukunft unseres Volkes ernstlich bedroht. Es geht dabei eben um das Leben und Sterben der deutschen Nation.

Man darf gespannt sein, was das ZDF-Kulturmagazin Aspekte aus der „gelungenen Provokation“ macht. Vielleicht gelingt es dem ZDF ja trotzdem, einen konstruktiven Beitrag zur Integrationsdebatte zu senden.

Ich hoffe es.

 

Update 24.Jul.2011: Der Beitrag „Darf man das? Mit Sarrazin in Kreuzberg“ ist online des Kulturmagazins „aspekte“ ist abrufbar.

Auf der „aspekte“-Seite findet sich auch ein ZDF-internes Interview mit Güner Balci, Autorin des obigen Beitrags, über den Dreh und was sie sich dabei gedacht hat. Zitate:

7:25 – Zu den Störern im Hintergrund, die einen Dialog verhinderten: „Wenn man nicht in der Lage ist jemanden zu sagen: „Ich möchte nicht mit Dir sprechen, weil…“, dann wird es schwierig, denn dann kann man selbst dieses Recht auch nicht beanspruchen: dass man ernst genommen und dass einem zugehört wird.“

8:45 – …den Menschen dort die Möglichkeit zu geben, Sarrazin einmal zu „vermitteln, was es bedeutet als Migrant in Berlin geboren zu sein und hier zu leben. “

Update 25.Jul.2011:

Nach dem verstörenden Massenmord in Norwegen stieß ich auf folgende Worte des Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg:

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

Jens Stoltenberg beim Trauergottesdienst in Oslo

Von Oslos Bürgermeister wurde folgendes Zitat getwittert:

„I don’t think security can solve problems. We need to teach greater respect.“

@Dr_Ulrichsen

Update 19.Aug.2011:

Hamed Abdel-Samad meint, Thilo Sarrazin habe die Integrationsdebatte nicht vorwärts gebracht:

„Die ständige Inszenierung und künstliche Verlängerung der Sarrazin-Debatte ist ein Beleg dafür, dass wir entweder kein Integrationsproblem haben – oder keine Lösung dafür.
[…]
Doch diese Debatte hat bislang nichts erreicht außer einer Polarisierung, die die Abgrenzung an beiden Enden verschärft und die multikulturelle Mitte unter Druck setzt, entweder in die eine oder in die andere Richtung Farbe zu bekennen.
[…]
Es ist kein Zeichen von Kreativität, dass wir auf die Verunsicherungen im Zuge der Globalisierung nach ganz altem Muster reagieren: Trost und Identität durch Religion und veraltete Konzepte von Nation, die davon leben, andere auszuschließen.“
Welt online, 19.Aug.2011

 

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One Response to “Sarrazin und die Zahlen”

  • Thorsten Says:

    „Ich bin bis Seite 19 gekommen und mühe mich seitdem, das Machwerk wiederzufinden, es wurde in sehr kurzer Zeit von relevanteren Werken untergestapelt – das Buch ist auch argumentativ schrecklich schlecht.“

    Genau das ist das Problem: Sie haben 19 Seiten gelesen und erdreisten sich es als „argumentativ schrecklich schlecht“ zu bezeichnen. Merken Sie eigentlich auf welchem Niveau Sie (schon dadurch)argumentieren?

    Sehen wir es positiv: Immerhin haben Sie 19 Seiten mehr gelesen als andere Kritiker, die Ihre Einschätzung teilen.

    Nur hat diese Einschätzung nichts mit der Realität zu tun.

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