Der ungehörte Schuß

Dass auch das schönste Wochenende ein Ende hat bemerkt man spätestens, wenn am Montagmorgen der neue Focus auf dem Schreibtisch liegt. Zwar waren die vergangenen Tage voll von wichtigen, bewegenden Themen:
Im Bundestag wurde eine leidenschaftliche, ehrliche und respektable Debatte wurde zur PID geführt.
Ein New Yorker Gericht hebt den Hausarrest gegen DSK auf.
Der Spiegel enthüllt ein geplantes Panzergeschäft mit Saudi-Arabien…

Der Focus bringt die Hunziker Guttenbergs auf dem Titel.

Weil das Motto nicht mehr „Fakten, Fakten, Fakten“ sondern „Relevanz, Relevanz, Relevanz“ lautet, findet sich das „Tagebuch des Herausgebers“ auf der letzten Seite, wo es möglicherweise hingehört damit es der Fan leichter findet. Diese Woche wird ihm dort schlagartig die Relevanz des aktuellen Titelblatts gewahr.

„Nach welchen Sünden gibt es eine zweite Chance?“

fragt Markwort und betitelt die Fotos von Karl Guttenberg und Dominique Strauss-Kahn mit „Politische Talente mit Handicap“. Höchst relevant, der Focus Fall Strauss-Kahn, für die Moral Deutschlands, die Fälle ähneln sich so offensichtlich, dass sich ein Vergleich geradezu aufdrängt.

Doch Markwort spannt seine Fans auf die Folter, der vergangene Montag stand für ihn im Schlaglicht des UN-Urteils über die Frühstückssituation deutscher Schulkinder, jedes vierte gehe mit leerem Magen in die Schule. Der Herausgeber „kann es aber nicht glauben“, Markworts Zweifel am UN-Verdikt stützten sich auf seine „grundsätzlichen Skepsis gegenüber Statistiken dieser Art“ aber „vor allem auf eigene Gespräche und Beobachtungen“. Ich kann von einem gut-situierten 74-jährigen Münchner auch erwarten, dass er sich ein stimmiges Bild der Frühstückssituation deutscher Schulkinder macht. „Die Regierung“ müsse sich daher „empören“ und „gegen die Diffamierung protestieren“, die UN verbreite „ein Zerrbild unseres Landes“, das geht doch nicht, da muss man doch was machen, Sauerei.

Aber Markwort hat schon Recht, tatsächlich sollte man „Statistiken dieser Art“ nicht trauen, womöglich sogar „eigene Beobachtungen“ anstellen, zum Beispiel wenn der Focus den am vorvergangenen Sonntag vom Spiegel enthüllten Panzerdeal „der Regierung“ für die Leserschaft einordnet. Der Focus hat nämlich jetzt enthüllt, dass der Leopard-2 Panzer „schon früher ein deutscher Exportartikel“ war.

Das ist erschütternd.

Doch nicht nur das: Wie der Focus weiter ausführt, hat sogar Rot/Grün mit Panzern gedealt, doch „manche rote und grüne Politiker leiden offensichtlich an Gedächtnisschwächen“. Gleich im ersten Regierungsjahr 1998 hätten Schröder und Fischer die Rüstungsexporte „in alle Welt“ auf 1,5 Milliarden Euro fast verdoppelt. Was der Focus vergisst zu erwähnen: Man sollte Schröder/Fischer sogar doppelten Respekt für diese Leistung zollen, da sie diesen Rekordanstieg der Rüstungsexporte  offensichtlich in den letzten zwei Monaten des Jahres 1998 (genauer: seit dem 27. Oktober) schafften…

Was der Focus außerdem vergisst zu erwähnen (der Platz auf der Seite muss schließlich mit umoperierten indischen Babys und einer Karikatur geteilt werden) ist der Umstand, dass sich die Rüstungsexporte im Jahr 2007 im Kabinett Merkel nochmals verdoppelten: Auf die Summe von 3.3 Milliarden US-Dollar.

Doch ist dieser Umstand sicher nicht so relevant, wie die Tatsache, dass 63 deutsche Kampfpanzer an Dänemark (!), Spanien (!!) und Griechenland (!!!) geliefert wurden: Um Himmels willen SCHRÖDER! Jetzt haben wir den Salat!

Merkel dagegen vorbildlich: Laut Kanzleramt sollen an Saudi-Arabien „noch keine Kampfpanzer geliefert sein.“ Ich bin erleichtert, froh, dass die beim Focus „Statistiken dieser Art“ nicht trauen, der Sache auf den Grund gegangen sind. Es sind schließlich überhaupt keine Panzer an Saudi-Arabien geliefert worden, was soll also die ganze Aufregung.

Und weil das mit dem Rechts/Links so schön einfach ist, wollen wir den nahe liegenden Vergleich der beiden „Sünder“ Dominique Strauss-Kahn und Karl Guttenberg nicht vergessen. Immerhin darf man doch seine „eigenen Beobachtungen“ machen und eine, möglicherweise mit betrügerischer Absicht getätigte, falsche Zeugenaussage mit einem nachgewiesenen Betrugsfall an einer renommierten deutschen Hochschule vergleichen?

Denkste: Stein des Anstoßes für den Focus Herausgeber ist die Doppelmoral der linken Intellektuellen. Immerhin würde sich der Betrüger Guttenberg für sein politisches Comeback mehr Zeit nehmen als der möglicherweise für die Sozialisten kandidierende Strauss-Kahn. Das zeigt Haltung und daher gilt „als wahrscheinlichstes Szenario ein demütiger Neuanfang“ Guttenbergs. Auch zeugt es von einem unerträüglichen Gespür für Relevanz, dass Guttenbergs Papa im Focus vier Seiten bekommt.

Ich kann es nicht lassen.  Aber der Focus ist ein bisschen wie ein schlimmer Autobahn-Unfall.

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Update 20.Jul.2011:

Laut Süddeutsche Zeitung kracht es in der Focus Chefredaktion zwischen Uli Baur und Wolfram Weimer. Salonist Weimer will seinen Plan eines relevanten und intellektuell anspruchsvollen Nachrichten- und Debattenmagazins gegen den Nutzwertjournalismus Baur’scher Prägung durchsetzen. Ich drücke die Daumen.

 

Update 26.Jul.2011: 

Süddeutsche – Chefredakteur Weimer gibt auf:

Zuletzt setzte Markwort vor ein paar Wochen durch, dass sein „Tagebuch des Herausgebers“ auf die letzte Heftseite rutschte. Er kommentiert das Weltgeschehen seither jede Woche an prominenter Stelle. Seine Chefredakteure, die vorne im Blatt außerdem eine Textspalte weniger Platz haben als er, mussten sich im Wochenrhythmus abwechseln. Deutlicher kann man den eigenen Willen zur Macht und Mitsprache kaum ausdrücken.

 



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2 Responses to “Der ungehörte Schuß”

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