Testfahrer? Toll.

Für Autotester ist der Sommer eine ganz besondere Zeit. Dank Cabrio- und Scooter-Tests und dem passenden Wetter tritt man öfter als man glaubt mit anderen Mobilisten in Kontakt.

Das ist oft überraschend, meistens positiv und manchmal eine Offenbarung.

An einer roten Ampel reihe ich mich mit dem knallblauen Elektro-Scooter neben einer wunderschöne Triumph Bonneville T100 ein. An der darauffolgenden roten Ampel reiht sich die Bonnie neben mir ein: “Ganz schön gefährlich!” sagt der Fahrer unter dem passenden mattschwarzen Jet-Helm. “Den hört man ja gar nicht.” Doch er ist an Wesentlichem interessiert: Wie schnell, wie weit, wie lange? Er hebt anerkennend die Augenbrauen als ich die 230 Volt Steckdose erwähne. An der kommenden roten Ampel starte ich die Gegenfrage nach dem Sound, die Bonnie sei doch viel zahmer als die Kawasaki. Das lässt er nicht auf sich sitzen, erklärt, unter Druck klinge die Bonnie viel ernsthafter. Er demonstriert das überzeugend beim Start zur nächsten roten Ampel. Er biegt ab, wir heben zum Gruß die Hand.

Es ist ein schöner Tag und es gibt Menschen die interessiert das nicht. Ich teste die Einkaufsfähigkeiten des eMax und fahre mehr durch Zufall auf der linken Spur und bleibe dort, vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht weil ich bald an einer der nächsten roten Ampeln – die stehen hier in einem Abstand von etwa 150 Metern – links abbiegen will.

Noch während ich mir daürber keine Gedanken mache,  saust …wrrrmmm… ein alter Corolla rechts an mir vorbei und schert denkbar knapp vor mir direkt auf die linke Spur, kurz vor der roten Ampel. Dort schon fast stehend touchiert mich der Corolla, weil ich mich wohl nicht durch die anderen schon stehenden Autos durchschlängeln soll. Es köchelt langsam. Dank Boost-Modus kann ich recht flott beschleunigen, was Kollege Corolla dazu veranlasst seinen ersten Gang, jetzt wiederum auf der flugs aufgesuchten rechten Spur, auszudrehen. Die dabei entstehende Geräuschkulisse hilft der älteren Dame, die noch nicht ganz die andere Straßenseite erreicht hat, sich mit einem Zwischensprint in Sicherheit zu bringen.

Zum Glück kann Corolla weder seine Geschwindigkeit noch irgendwelche Abstände einschätzen, sodass er vor der kommenden roten Ampel vergleichsweise sicher vor mir wieder auf die linke Spur wechseln kann. Ich halte neben ihm an, ich bin interessiert, vielleicht liegt ein medizinischer Notfall vor. Ich frage, ob alles OK ist. “Sie sind ja lebensmüde!” ruft der Herr durch dicke Zigarrenschwaden. Ob ich noch nie etwas vom “Rechtsfahrgebot!” gehört hätte. Ich kann nicht ganz folgen.

Das sei doch “lebensgefährlich mit dem kleinen Ding auf der Überholspur zu fahren”, das dürfe ich doch gar nicht. Er deutet auf den Elektroscooter, den ich denkbar knapp unterhalb der vorgeschriebenen Höchstgeschwidnigkeit von 50 km/h bewegt habe. Ich dringe nicht durch die Rauchschwaden mit dem Argument, dass die Autobahn sich doch in etwa 15 Kilometern Entfernung befände. Auch die erschreckte Frau erwähne ich. Beim Themenkomplex Sicherheitsabstand gebe ich auf.

Ein anderer Tag, auch ein schöner. Er sollte noch schöner werden. Ich bin mit einem Cabrio unterwegs.

“Uih” höre ich leise, als ich mit offenem Cabrio am Straßenrand stehe und mit dem Telefon beschäftigt bin, “ist das ein schönes Auto.” Ich versuche die Stimme zu orten.

“So ein schönes Auto habe ich noch nie gesehen!”

Eine ältere Dame zirkelt sich, ihr Fahrrad schiebend, von hinten links, näher heran. “Ist das neu?”

Ich bin herzensfroh nicht eine der beiden anderen Standardfragen nach PS und Höchstgeschwindigkeit zu hören. Ja, das BMW 6er Cabrio gäbe es erst seit ein paar Monaten. “Tolle Farbe” sagt sie anerkennend und ich fühle mich der verpflichtet sie darüber aufzuklären, dass sie nicht mir persönlich guten Geschmack attestieren sollte, dies sei nicht mein Wagen. “Wie schade. Der ist wirklich toll.” Das hatte ich an anderer Stelle selbst schon einmal geschrieben und konnte ihr daher nur beipflichten.

Sie kann ihren Blick noch immer nicht von dem schönen Auto losreißen, sie schiebt ihr Fahrrad mitten auf der Straße auf und ab und würde es nicht einmal bemerken, wenn sie von einem Corolla über den Haufen gefahren würde.


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