Migrationshintergrund

Kaum ein Begriff wird in den letzten Monaten so strapaziert wie „Migrationshintergrund“. Auf Wikipedia unterscheidet man fein den Menschen „mit Migrationshintergrund“ vom „Ausländer“.
In der Presse, in Politikerstatements oder am Stammtisch nicht.

Mir geht der Ausdruck zunehmend auf die Nerven.

Das fing an mit Christian Wulff. Er hatte als Ministerpräsident von Niedersachsen Aygül Özkan zur Ministerin für Soziales gemacht. Wulff wurde allenthalben für seine Fortschrittlichkeit gelobt, eine Frau mit Migrationshintergrund zur ersten Frau mit Migrationshintergrund als Landesministerin vereidigt zu haben (Welt, Abendblatt, taz). Und er lobte sich auch selbst dafür, die Deutsche Özkan zur Ministerin gemacht zu haben:

„Mit der Berufung von Frau Özkan machen wir deutlich: In Niedersachsen wird Integration gelebt! […] Zwangsehen, Ehrenmorde und Parallelgesellschaften haben bei uns keinen Platz.“
Bild.de

Zeitweilig wurde Wulff auch für seine Fortschrittlichkeit gelobt, eine Deutsch-Türkin zur ersten deutsch-türkischen Landesministerin in Deutschland ernannt zu haben (taz, Morgenpost, ftd). Andere wiederum lobten Wulff dafür, eine Muslimin zur ersten muslimischen Landesministerin in Deutschland ernannt zu haben (Focus, Bild, Zeit).

Wir sehen: Deutschland weiß nicht so recht, was genau so fortschrittlich an Christian Wulffs Ministerernennung war, außer dass er offensichtlich als erster etwas mit einer von „den Anderen“ tat. Und nachdem Özkan(vor ihrer Vereidigung) für ihre Äußerung, dass Kruzifixe nichts in öffentlichen Schulen zu suchen hätten, zu Kreuze kroch und im Niedersächsischen Parlament Abbitte leistete, hatte Wulff sogar Lob für die Deutsche Ministerin übrig:

„Frau Özkan macht einen wichtigen Schritt auf unsere Gesellschaft zu.“
spiegel.de

Anderswo ist man derweil schon weiter als in Niedersachsen.

Sarkozy

In Frankreich geht das beispielsweise nicht nur Top-Down wie bei uns (Ministerpräsident ernennt Minister) sondern sogar Bottom-Up (Volk wählt Staatspräsidenten). Nicolas Sarkozy ist bekanntermaßen sehr gut darin, sich als Franzose mit harter Hand gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zu positionieren. Vergessen wird dabei gerne, dass sich sein Nachname eigentlich „Scharkosi“ ausspricht und er mit vollem Namen Nicolas Paul Stéphane Sárközy de Nagybócsa heißt.

Nics Vater floh 1944 aus Ungarn vor der Roten Armee und landete via Österreich, Baden-Baden und Fremdenlegion schließlich in Paris. Doch damit nicht genug, denn auch seine französische Mutter hat einen Migrationshintergrund, stammte sie doch aus einer griechischen Unternehmerfamilie. Von so einem fetten Migrationshintergrund kann Präsidial-Integrator Wulff nur träumen.

Nun ist „Mensch mit Migrationshintergrund“ ein typisch deutscher Begriff und sollte korrekterweise  nur auf Deutsche mit Migrationshintergrund angewendet werden. Doch inhaltlich ist Sarkozy nach der Definition des Deutschen Statistischen Bundesamtes ein Mensch mit Migrationshintergrund (Natürlich wird Quick-Nic rasch einwerfen, dass sein Vater bereits 1948 in Marseille ankam und nicht erst nach 1950 wie es die für Deutschland geltende Definition verlangte).

Obama

Doch er ist in guter Gesellschaft, zum Beispiel mit Barack Obama. Dessen Vater, Barack Obama Sr., war Kenianer und heiratete während seines Studiums in den USA die Amerikanerin Stanley Ann Dunham. Die Halbschwester Obamas hat einen ebensolchen Migrationshintergrund wie der Präsident der USA selbst, ist sie doch die Tochter von Stanley Ann Dunham und ihrem zweiten Ehemann, einem Indonesier. Doch angesichts der Tatsache, dass eigentlich die ganze Nation des amerikanischen Präsidenten einen Migrationshintergrund hat, ist das natürlich keine große Sache und findet wohl auch in den indianischen Wurzeln der Familie seiner Mutter kaum Gegengewicht.

Andere wichtige Menschen

Wir nutzen in Deutschland den Begriff Migrationshintergrund so gerne, dass es sich lohnt auch bei den uns wichtigen Menschen einmal nachzuforschen, zum Beispiel im eigenen Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis. In der Firma in der ich arbeite geht es schon los: sie wurde vor zwölf Jahren von einem Italiener, einem Kroaten und einem Deutschen gegründet. Ich arbeite also in einer Firma mit Migrationshintergrund.

Die Lebensgefährtin eines meiner Mitarbeiter ist die Tochter eines Briten und hat noch dazu Afrolocken (darf man das sagen?) und könnte also als Afrodeutsche mit britischem Migrationshintergrund beschrieben werden. Ein befreundetes Paar hat jetzt geheiratet, der Ehemann ist Brite, die Kinder werden einen Migrationshintergrund aufweisen.

Der befreundete Nachbar ist in Vietnam geborener Chinese, seine Familie wurde nach der Flucht in Deutschland eingebürgert, er ist mit einer Deutschen verheiratet. Ein weiterer Freund (mit einer Bayerin verheiratet) stammt aus dem Saarland und wenn man die unmittelbare Geschichte checkt, stellt man fest, dass das Saarland erst seit 1957 auch politisch zu Deutschland gehört… Auch meine eigenen Kinder werden das Schicksal der seinen teilen, weil ich eine Ungarin heiratete und wir in Deutschland leben.  Jesusmariaundjosef…

Hintergrund

Da wir Deutschen für unsere Gründlichkeit bekannt sind, möchte ich an dieser Stelle nicht versäumen, den Hintergrund des Begriffes Migrationshintergrund zu beleuchten. Eigentlich ist dieser Begriff der aktuelle Versuch der Political Correctness, eine Stigmatisierung von Ausländern zu vermeiden. Gerne wird statt Ausländer (Schimpfwort) auch „Migranten“ verwendet, was natürlich auch Unfug ist – wir erinnern uns alle noch an den Schulunterricht und die Unterscheidung von Immigranten und Emigranten, was durchaus dieselbe Person bezeichnet, nur eben von einem anderen geographischen Standpunkt betrachtet.

Statistisch notwendig

Der Begriff „Migrationshintergrund“ wurde jedoch eigentlich als Antwort auf den starken Zuzug von deutschen Volkszugehörigen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geschaffen: Diese Menschen erhielten sofort die deutsche Staatsbürgerschaft, stellten jedoch als Deutsche in statistischen Erhebungen ein methodisches Problem bei der Untersuchung von Migrationsfolgen dar.

Eine Begriffswandlung setzte ab 2000 ein, als – von Ausländern in Deutschland geborene – Kinder durch das Optionsmodell automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten konnten und somit ebenso wie die Spätaussiedler fortan als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ bezeichnet werden – womit der der noch sperrigere Begriff „Deutsche ausländischer Herkunft“ in den Ruhestand geschickt wurde.

Als Folge wird der Begriff „mit Migrationshintergrund“ nun, politisch korrekt und inhaltlich inkorrekt, dazu verwendet alle möglichen Menschen die anders sind, als das nicht zu bezeichnen was sie sind (nämlich Deutsche), dabei aber genau die Anderen zu meinen, nämlich die Ausländer, ohne diese stigmatisieren zu wollen. Aber am Stammtisch ist man ja nicht so genau.

Korrekterweise sollte der Begriff „mit Migrationshintergrund“ also nur Anwendung auf deutsche Staatsbürger finden. Aber eben diejenigen, die anders sind.

Ich…

Zum Beispiel auf mich. Als im Ausland geborener Sohn deutscher Eltern sehe ich keinen wesentlichen Unterschied zwischen mir und den im Ersten Weltkrieg als Volksdeutschen bezeichneten Menschen, die ja (wie ich) aufgrund ihrer Abstammung als Deutsche gelten – vielleicht mit dem Unterschied von ein oder zwei Generationen. So erhielt auch ich erst nach Zuzug nach Deutschland meine deutschen Papiere. Obwohl ich bisher davon ausging, dass „Migrationshintergrund“ mit mir nun wirklich gar nichts zu tun hätte stelle ich jetzt fest: Ich bin der Migrationshintergrund.

Neue Begriffe

Befeuert durch Sarrazin ist die Diskussionskarawane natürlich weitergezogen und der Begriff des „autochtonen Deutschen“ wird vermehrt in der Debatte vernommen. Ich kenne den Begriff eigentlich nur aus dem Zoologie- und Geographiestudium. Doch ist er möglicherweise ein Fortschritt gegenüber dem „Biodeutschen“.

Interessant ist er allemal:

  • „Autochton“ kann man  übersetzen mit „einheimisch“, „ortsfest“ oder „alteingesessen“. Da ich in Bayern lebe, habe ich sofort Assoziationen, die jeder nachvollziehen kann. Ich denke nicht, dass diese Assoziationen mit dem übereinstimmen, was gemeinhin unter „autochtonen Deutschen“ verstanden werden soll.
  • Im biologischen Kontext sind autochtone Arten solche, bei denen das Evolutionszentrum dem Verbreitungsgebiet entspricht. Bezogen auf den Homo sapiens, sind also möglicherweise alle Menschen außerhalb Afrikas als allochton, also eingewandert zu betrachten.
  • Autochtone Völker (auch indigene) sind laut Definition marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Sie behalten zwar „ihre eigenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen“ bei, sind jedoch „die Nachkommen einer Bevölkerung vor Eroberung, Kolonisation oder der Gründung eines Staates oder einer Region“.

Offensichtlich stehen wir erst am Beginn einer Begriffsdebatte. Wahrscheinlich ist das auch gut so.

::: drucken

Nachtrag 17.11.2010, 20:00:

Malte Welding (Berliner Zeitung) hat sich in seiner eigenen Familie umgesehen, um zu überprüfen, was an Merkels Feststellung, Multikulti sei tot dran ist:

Wer an die Homogenität der Deutschen glaubt, der glaubt auch, Homosexualität sei eine Erfindung der Grünen. Wir sind in Wirklichkeit eine höchst zufällige Ansammlung von Einzelwesen, kein Volk von eineiigen Mehrlingen und das waren wir auch nie. Mein Leben war schon immer Multikulti, das Leben meiner Eltern war es, das Leben ihrer Eltern erst recht.

Sehr Lesenswert.


One Response to “Migrationshintergrund”

  • Hildes Says:

    Im Oktober 2011 erschrak ich, denn vom Jobcenter XXX bekam ich einen Brief.

    Fragebogen zur Erhebung eines möglichen Migrationshintergrunds

    „Auf Grund gesetzlicher Vorgaben erhebt die Bundesagentur für Arbeit aktuell einen möglichen Migrationshintergrund ihrer Kunden.
    Auch das Jobcenter XXX beteiligt sich an dieser Datenerhebung.“

    Erschreckend, gibt es nicht schon genug Daten über uns alle, die immer zentraler gespeichert werden, auf die immer mehr Institutionen Zugriff haben, und deren Datensicherheit man anzweifeln kann?!

    Wohin geht Deutschland, frag ich mich, und mir wird übel.

Leave a Reply