sueddeutsche.de über… nichts.

Ich habe morgens die komische Angewohnheit, beim Capuccino mit meinem veralteten Handy ein paar Nachrichten zu lesen. Weil das Handy so alt ist, sind es meist die Mobil-Versionen von sueddeutsche.de (m.sz.de) und spiegel-online (mobil.spiegel.de).

Manchmal ist das aber nicht komisch sondern erschreckend – und angesichts der frühen Stunde vielleicht auch nicht gesund…

Heute verschüttete ich fast das leckere italienische Heißgetränk, als ich bei m.sz.de ein Interview zu Kai Diekmanns horrenden Roamingkosten las. Das hatte mit seinem Urlaub in Marrokko zu tun und mit seinem damaligen Blog. Und was die Süddeutsche daraus machte war eigentlich nur, die Eigen-PR von Kai Diekmann zu unterstützen.

Ich habe es bis heute nicht geschafft, das Phänomen von Kai Diekmann und seinem Blog kaidiekmann.de in Worte zu fassen. Denn ich finde den Mann nicht witzig und seine inszenierte (Selbst-)Ironie auch nicht wirklich ironisch. Die bisher beste Einschätzung dieses Phänomens fand ich, kaum überraschend, bei Stefan Niggemeier in „Die Methode Diekmann“.

Mit meinen eigenen Worten müsste ich sagen „fremdschämen“ trifft das Faszinosum Diekmann im von der Süddeutschen aufgegriffenen „Story“ am besten: Wenn jemand mit einer doofen Idee in eine Diskussion platzt und die Umstehenden ihm noch sagen wollen was für eine doofe Idee das ist und mit ansehen müssen, wie sich jemand zum Doofen macht, dann ist das fremdschämen.

Kai Diekmann war sich jedenfalls nicht zu doof bei einer Springer Management-Tagung den Gastredner René Obermann mit den horrenden Roaminggebühren zu konfrontieren, die anfielen, weil er sein Blog von Marokko aus über eine Handy-Verbindung pflegen musste.

Nun wäge ich, bevor ich aus einem größeren Publikum heraus eine Wortmeldung zu einer Diskussion mache, noch ab, was am Ende dabei herauskommen soll, man will sich ja nicht zum Affen machen. Diekmann ist aber anders. Oder um es mit Niggemeier zu sagen, Diekmann sei „nicht grüblerisch und defensiv, sondern selbstbewusst und angriffslustig, überraschend, unterhaltsam und beim Publikum erfolgreich“. Mund halten ist also Diekmanns Sache nicht und die Antwort von Obermann, er möge das bitte wie jeder andere Kunde auch bei der Beschwerdestelle einreichen, war die einzig wahrscheinliche, denn seine anderen Optionen waren:

  • sich entschuldigen und einen Fehler eingestehen,
  • Diekmann anbieten das für ihn schon zu regeln,
  • die zu hohen Roaming-Gebühren abstreiten,
  • Diekmann ignorieren.

Keine davon war zu erwarten, wenngleich eine davon zu wünschen gewesen wäre.

Viel ärger jedoch ist, dass die Süddeutsche gleich zwei mal über den Selbstinszenierer Diekmann berichtet: Am 18.6.2010 schrieb Thomas Forster bereits über den „Vorfall“, zitierte dabei noch ein paar besonders wenig witzige Stellen aus dem abgeschalteten Blog und stellt die wohl kritisch gemeinte Frage

„Wie geht der Konzern Deutsche Telekom mit der unbezahlten Rechnung eines Prominenten um? Besonders, wenn es sich dabei um den Chef von Europas größter Boulevardzeitung handelt.“

Nun wollten laut Forster weder der Springer-Verlag als Gastgeber noch die Telekom zu Diekmanns Wortmeldung Stellung beziehen, was den Süddeutsche-Autoren nicht davon abhielt vielsagend zu orakeln

„Interessant wird nun sein, wie sich der Bonner Telekommunikationsriese verhält, sprich: ob sich der Vorstandsvorsitzende eines der größten deutschen Konzerne persönlich für den Bild-Chef stark macht.“

Möglicherweise ist das weniger interessant als der Umstand, dass Obermann bereits auf jener Tagung Diekmann direkt antwortete und sich eben nicht für Diekmann stark machte.

Bevor man dies jedoch erst im drei Tage später erscheinenden investigativen Interview mit Diekmann erfährt, ist es interessant zu erfahren, dass Forsters Artikel zuerst in der Medien-Fachzeitschrift W&V (Werben und Verkaufen) erschien, wo er auch im Impressum geführt wird. Die W&V gehört dem Süddeutschen Verlag. Forster bezieht sich in seinem Text wiederum auf Informationen, die er im Kontakter gefunden hat, einem Branchendienst für die Kommunikations- und Werbeszene, im selben Verlag erscheint wie die W&V. Das erfährt man aus dem Artikel ebensowenig wie die etwas relevantere Frage nach dem „wann“.

Wann hat Diekmann eigentlich den Telekom-Boss angesprochen, nachdem sein Blog Anfang Februar 2010 abgeschaltet wurde? Ist es tatsächlich eine Nachricht, wenn Diekmann im Juni bekannt geben lässt, dass Bild „zum Glück … die Kosten für den Blog übernommen“ hat? War das im Juni tatsächlich überraschend?

Andererseits geht es natürlich weder um diese Fragen, noch darum wie doof Diekmann möglicherweise ist. Denn erstens weiß ich aus eigener Erfahrung, dass sich die Telekom kulant auch bei deutlich überhöhten Roaming-Kosten zeigt. Und zweitens wollte Diekmann natürlich weder über Roamingkosten sprechen, noch irgendeine Sonderbehandlung von Obermann.

Die Sonderbehandlung bekam Diekmann von der Süddeutschen für einen vor einem halben Jahr abgeschalteten Blog, der schon damals nicht witzig war. Und er hinterlässt einen ratlosen Blogger, dem angesichts Diekmanns geschickter Instrumentalisierung des Gefühls „Fremdschämen“ zunehmend die Worte fehlen.


Der Offenheit zuliebe: Ich arbeite bei einem Tochterunternehmen der Telekom. Ich habe einen t-mobil Handy-Vertrag zum Journalistentarif. Letzteres war der Beschwerdestelle bekannt, als Sie mir kulanterweise 50% angefallener Roaming-Kosten erließ. Schließlich war ich selbst Schuld, im Urlaub meine eMails über eine Handy-Verbindung zu lesen.


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