Der religiöse P-Kandidat

In der Debatte um die Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten geht völlig unter, wofür sie denn eigentlich stehen. Beide haben versucht das in nur je einem Wort unterzubringen. Gauck sagt “Freiheit”, Wulff sagt “Zukunft”.
Ach ja, Luc Jochimsen sagt irgendwas zur DDR.

Aber darum geht es hier nicht.

Nachdem es sich der Focus offenbar zur Aufgabe gemacht hat, Merkels Kandidaten für das erste Amt nach Kräften interessantzuschreiben, dachte ich, das Markwort-Blatt würde sich eine Woche später (mit ein bisschen mehr Vorbereitungszeit) seinem Wunschkandidaten wohl noch  etwas fundierter widmen.

Bingo.

Das Ergebnis ist ein Interview (Focus 24/10, S.30 ff), das aus humoristischer Sicht nicht so ergiebig ist wie die “Nahaufnahme” der Vorwoche. Es ist sogar, was Fragen und Antworten angeht, ziemlich schlecht: Focus gibt sich mit Einwürfen wie “Pralinenwerbung”, “Politiker-Phrasen” und “Mit Verlaub” unabhängig, ja kämpferisch (schaut mal was wir uns trauen!) ohne an nur einer Stelle in die Tiefe zu gehen. Wulff schwankt dafür zwischen Beliebigkeit und Anbiederung wenn er (wir haben gerade WM) Günther Netzers Einsatz bei irgendeinem Fußballspiel 1973 mit seiner eigenen Kandidatur in Verbindung bringt.

Und obwohl die Eröffnung des Interviews von beiden Seiten schon völlig verhunzt ist und die dritte Frage einen etwas konstruierten Gegensatz (“Wertesystem haben” gegen “Parteipolitiker sein”) bemüht, ist der Kandidat geschickt genug um gleich mal Gott ins Spiel zu bringen. Das finde ich, ehrlich gesagt,  in der ersten Spalte eines dreiseitigen Interviews ein bisschen früh.

Und inhaltlich ernst.

Anzeichen dafür, dass Christian Wulff ein zumindest wohlwollendes Verhältnis mit der Kirche pflegt, wurden im April nach der Nominierung der ersten muslimischen Ministerin Aygün Özkal in seiner Landesregierung deutlich. Die hat nicht nur (tapfer) ihren Amtseid auf Gott geschworen, sondern auch noch in einem Interview gefordert, die Kruzifixe an Niedersachsens Schulen abzuhängen. Wie erfrischend war das denn!?

Die Union jedoch fand so eine lässige Muslima nicht so prickelnd, weshalb Wulff seine neue Integrations-Hoffnung hinter den Kulissen ordentlich zusammenfaltete und sie sich eine Entschuldigung vor den Landtagsabgeordneten abrang (pdf). Sie bedaure, dass ihre “mißverständlichen Äußerungen zu christlichen Symbolen in öffentlichen Schulen religiöse Gefühle und grundlegende Überzeugungen verletzt haben.”

Wie seit einiger Zeit bekannt, ist der ambitionierte Präsidentschaftskandidat Wulff Kuratoriumsmitglied des Evangelisierungs-Vereins ProChrist ist (siehe Daniel Leisegang auf Carta.info vom 6. Juni 2010 und das Kuratoriumsverzeichnis von ProChrist) und Redner vor dem Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP). Beide Vereinigungen “befürworten den Kreationismus, hetzen gegen Homosexualität und lehnen Abtreibungen strikt ab”, so Leisegang.

Auf Christian Wulffs Homepage nachgesehen, findet sich folgende Stelle:

“Die Bewahrung der Schöpfung ist eine christlich fundierte Grundaufgabe, die wir wörtlich und ernst nehmen müssen” .

Weil ich das anders sehe, blättere ich nochmals im Focus-Interview und lese:

“Jeder hat seine von Gott gegebene Würde”
“Glaube ist die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.”

Ich würde diese Worte eher in der Kirche erwarten und nicht von einem möglichen Bundespräsidenten, der “dem Wohle des deutschen Volkes” verpflichtet ist. Ich frage mich, welcher Gemeinschaft sich Christian Wulff zuvorderst verpflichtet fühlt oder ob er nicht vielleicht auch meinte, dass die Menschenwürde im Grundgesetz und den Menschenrechtskonventionen verankert ist.

Vielleicht bin ich hier etwas empfindlich. Vielleicht ist Wulff auch bloß für mich nicht der richtige Kandidat. Vielleicht würde es auch reichen, wenn Christian Wulff Thierry Chervels Perlentaucher läse und “noch vor der Wahl in der Bundesversammlung aus dem Kuratorium von Prochrist austreten” würde.

Vielleicht ist es auch einfach nur an der Zeit, dass die klassischen Medien einmal die hier aufgeworfenenen Fragen stellen.

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Update 24.6.2010:

Genau diese Fragen sind nun in den klassischen Medien angekommen. Am 22. Juni berichtete Deutschlandradio Kultur über die Forderung verschiedener Blogs (MP3), (wissenrockt.de, esowatch.com) und säkularer Organisationen wie der Giordano Bruno Stiftung und deutscher Freidenker Verband, Wulff möge sich öffentlich von ProChrist distanzieren.

Danach folgte ein aufschlussreiches Interview mit der Journalistin und Theologin Kirsten Dietrich über evangelikale Bewegungen in Deutschland (MP3) mit ihrer Einschätzung, dass Religionen immer auch etwas irrationales haben:

[…] diese Religionen haben irrationale Elemente, und vor allen Dingen vertreten sie eine Eigengesetzlichkeit, die sagt, letztendlich ist Gott die höchste Autorität, die wir haben. Dafür stehen diese Gruppen. Und dafür steht aber meines Erachtens nicht der Bundespräsident.

Der Text zum Beitrag ist hier nachzulesen: Streit um Wulff und sein Amt bei “ProChrist”

Update 25.6.2010:

Auch der Tagesspiegel greift heute die in den Blogs gestellten Fragen auf, die Zeit-online übernahm den Artikel. Zwei Informationen sind nach meiner Kenntnis dabei neu. Wulff sei, laut niedersächsischer Staatskanzlei, dem Kuratorium von ProChrist beigetreten, weil sich auch der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber dort engagierte – möglicherweise für Wulff ein Zeichen von Seriosität der Vereinigung.

Interessanter dagegen ist die Begründung zu Wulffs Auftritt vor dem als radikaler eingestuften „Arbeitskreis Christlicher Publizisten“ACP:

“Wulff sei die weltanschauliche Ausrichtung des ACP bekannt gewesen, sagte Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) in einer Landtagsdebatte. „Wulff hatte Gelegenheit, die Ernennung von Aygül Özkan zu erläutern und in der Kruzifixdebatte die Maßstäbe zurechtzurücken.“”

Das hatte er ja schon einmal getan.


Diejenigen meiner Leser, die sich fragen was denn so schlimm ist an den Äusserungen Wulffs, lade ich zu einem kleinen Gedankenexperiment ein: Ersetzen Sie einfach mal “Gott” durch “Götter”.

“Jeder hat seine von den Göttern gegebene Würde”

Genau. So kommt es mir auch vor.


Links zum Thema


  • Stupor

    Ehrlich gesagt: als ich noch jung und unbedarft war, dachte ich, dass es ja ein ziemliches Stück Anmaßung ist, wenn eine Partei ihrem Namen das „C“ voranstellt.
    Nach Karlheinz Deschner finde ich, es steht dort mit vollster Berechtigung…

    „Die mit dem größten Dachschaden haben den schönsten Aufblick in den Himmel…“ (frei nach Deschner).